16.07.2002 16 31 plu
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Ulrich wies darum in der nächsten Zeit niemand ab. So kam ein Mann zu ihm und erzählte ihm lange vom Markensammeln.
Erstens sei es international verbindend; zweitens befriedige es das Streben nach Besitz und Geltung, von dem sich
nicht leugnen lasse, dass es die Grundlage der Gesellschaft bilde; drittens verlange es nicht nur Kenntnisse,
sondern auch geradezu künstlerische Entschlüsse. Ulrich sah sich den Mann an, sein Äusseres war verhärmt und
ärmlich; er aber schien die Frage dieses Blicks aufgefangen zu haben, denn er entgegnete Marken seien auch ein wervoller Handelsartikel, man dürfe das nicht unterschätzen,
Millionenumsätze würden darin gemacht; zu den grossen Markenbörsen reisten Händler und Sammler aus aller Herren Ländern, Man könnte reich werden. Aber
er sei für seine Person Idealist; er bilde eine besondere Sammlung, für die derzeit niemand Interesse habe, zur Vollendung
aus. Er wolle bloss, dass im Jubiläumsjahr eine grosse Markenausstellung eröffnet werde, in der er sein Sondergebiet den Menschen schon zu Bewusstsein bringen würde!
Ein anderer kam ihm nach und erzählte folgendes:
Wenn er durch die Straßen gehe - noch viel aufregender sei es aber, wenn man auf der Elektrischen fährt -,
zähle er schon seit Jahren an den großen lateinischen Buchstaben der Geschäftsschilder die Balken
(A bestehe zum Beispiel aus dreien, M aus vieren) und dividiere ihre Zahl durch die Anzahl der Buchstaben.
Bisher sei das durchschnittliche Ergebnis gleichbleibend zweieinhalb gewesen, ersichtlich sei dies
aber keineswegs unverbrüchlich und könne sich mit jeder neuen Straße ändern: so wird man von großer
Sorge bei Abweichungen, von großer Freude beim Zutreffen erfüllt, was den läuternden Wirkungen ähnle,
die man der Tragödie zuschreibt. Wenn man dagegen die Buchstaben selbst zähle, so sei, wovon sich der
Herr nur überzeugen möge, die Teilbarkeit durch drei ein großer Glücksfall, weshalb die meisten
Aufschriften geradezu ein Gefühl der Nichtbefriedigung hinterlassen, das man deutlich bemerkt, bis
auf jene, die aus Massenbuchstaben, das heißt, aus solchen mit vier Balken, bestehn, zum Beispiel WEM,
die unter allen Umständen ganz besonders glücklich machen. Was daraus folge, fragte der Besucher.
Nichts anderes, als daß das Ministerium für Volksgesundheit eine Verordnung herausgeben müsse,
die bei Firmenbezeichnungen die Wahl von vierbalkigen Buchstabenfolgen begünstige und die Verwendung
einbalkiger wie O, S, I, C möglichst unterdrücke, denn sie machten durch ihre Unergiebigkeit
traurig!"[...]
Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften
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