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22.01.2002 20 56 pet #163
Das Haus, der Menschenpark, die Dandies und die nicht bestehenden Probleme
Ja, ich habe letzthin die Regeln für den Menschenpark gelesen. Derjenige, der darüber räsoniert hat, heisst Sloterdijk. Aber lassen wir ihn doch selber sprechen:
"Nur an wenigen Stellen ist der Schleier des Philosophenschweigens über das Haus, den Menschen und das Tier als biopolitischer Komplex gerissen, und was dann zu hören war, waren schwindelerregende Hinweise auf Probleme, die für Menschen bis auf weiteres zu schwer sind."
Ich sehe in Bezug auf die Dandies, ihre Halter und mich selber da kein Problem.
22.01.2002 20 32 pet #162

Ohne Zweifel, ich bin ein Hund. Aber es gibt da doch einige Nuancen, die mich von meinen Gattungsgenossen unterscheiden. Ich bin mir meines guten Aussehens bewusst, gebe mir jedoch stets Mühe, bescheiden zu bleiben. Es ist nicht einfach, das Leben, aber wir alle müssen das Beste für uns herausholen. Preise sind für mich Anerkennung dafür, dass ich viele Entbehrungen auf mich nehme. Ich arbeite hart an meiner Haltung, meiner Frisur und natürlich wie ich rüberkomme. Mein Ziel war immer schon Moderator einer eigenen Talkshow zu werden. Das Schicksal ausgesetzter, herumstreunender Strassenköter lag mir stets am Herzen. Möglicherweise lässt sich da was kombinieren. Vielleicht bleibt es beim Traum. Aber man darf nie nie sagen.
Lefzen ziehen sich leicht nach oben. Der Hund beisst in den bereitgestellten Plastikknochen. Das Studiopublikum erhebt sich. Die Moderatorin der Werbesendung für Hundefutter herzt das Tier. Das Publikum stürmt jubilierend die bereitgestellte Degustationstheke und reisst sich gegenseitig die Futterhappen aus den Händen, Pfoten, wie auch immer.
Der Dandie und wie er lebt
22.01.2002 17 20 pet #161
Weshalb Rauchen frei macht
Oder: das Haus, der Nachbar - eine Variation
Ich wusste, ich würde ihn für einige Zeit nicht mehr sehen. Ein halbes Jahr war vergangen, seit ich eingezogen war. Immer wenn ich ihm im Treppenhaus oder vor dem Haus begegnete, sprach er entweder erregt auf mich ein oder tat so, als würde er mich nicht sehen, um trotzdem nach mir zu schielen. Der Vormieter riet mir, mich nicht auf ihn einzulassen. Ich tat dies bis zu jenem Freitagabend im August. Mein Koffer war gepackt und die Sonne schien fast horizontal in das Zimmer mit dem Tisch. Ich hatte freigenommen und wollte mit einem Auto für zwei Wochen wegfahren. Wohin wusste ich noch nicht. Einfach ans Meer. Mein Nachbar hatte wie immer im Sommer seine Türe offen und so lud ich ihn zu einem Tee ein. Ich dachte mir, es wäre die Gelegenheit, ein entspanntes, nachbarschaftliches Verhältnis zu beginnen. Ich versuchte ein Gespräch in Gang zu bringen. Es ging nicht. Er sprach in dramatischen Bildern ohne Zusammenhänge. In verschiedenen Sprachen. Ich erfuhr, dass seine Mutter Sudanesin sei und sein Vater Aegypter. Er erzählte von Paris und wie er dort von Polizisten behandelt wurde, wie sein Arbeitsplatz in Brand geriet, und alles über den Stromschlag. Seine impulsive Gestik verriet, dass er weder zuhören noch verstanden werden wollte oder konnte. Ich verabschiedete mich von ihm, stieg in das Auto und fuhr los. Ein Abendgewitter entleerte sich über Zürich. Ich zündete mir eine Zigarette an und fühlte mich frei.
Die Zigarettenwerbung lügt zwar besser. Aber das nächste Mal versuche ich mich am Alkohol. Ich hatte die Idee meinem Artikel einen Aufhänger zu geben, damit er gelesen würde, habe wohl das Ziel verfehlt. Aber das nächste Mal versuche ich mich an der Pornografie. Nein aber auch. Also, dann versuche ich mich an der indifferenten Betrachtung eines Hundes von höherem Stand. Das sollte klappen.
21.01.2002 16 53 pet #152
The old self:
"He actually was murdered
I had taken him apart
But when I put him back together,
I couldn't find his heart"
Lou Reed
19.01.2002 18 24 pet #144
Das Haus
Der Nachbar
Ein Morgen um Sieben. Salsa aus dem Badezimmer im Gang gegenüber der Nachbarswohnung. Durchlässige Wände. Die CD ist defekt. Wiederholung im Sekundentakt. Wassergeräusche.
Zwei Jahre sind es her, als wir uns zum ersten Mal begegnet sind. Ich war frisch eingezogen, in die oberste Etage des mittelgrossen Wohnhauses. Ich sass an einem Tisch in der öffentlich zugänglichen Liegenschaft vis à vis. Ich unterhielt mich mit jemandem. Er hatte einen riesigen Sombrero aufgesetzt und eine hellblaue, rotbestickte Tracht übergeworfen. Er zog die Blicke der Anwesenden auf sich und erwiderte mit einem schrägen Zurückschielen unter der Krempe seines Hutes hervor.
Bauleute auf der Strasse vor dem Haus beginnen mit ihrer Arbeit. Presslufthammer reissen die Strasse auf. Bagger verschieben Erde. Ein grosses Geheul und Gefluche hebt an. Am liebsten Heulen wie ein Wolf. Dann das Wort Motherfucker auf Italienisch, Spanisch und Englisch. Ich schaute bisher nie zum Fenster raus, als mein Nachbar am Morgen nebenan tobte. Er tut dies zum Fenster raus. Die Arbeiter unten auf der Strasse spielen mit. Sie zeigen den Finger oder bleiben einfach stehen und schauen. Schütteln den Kopf. Seine Wohnungstüre donnert regelmässig zu und das Fluchen schwillt an. Ich öffne meine Tür zum Gang. Er hat einen Schraubenzieher in der Hand. Versucht damit die Fotokopie eines senilen Befreiungskämpfers an seine Wohnungstüre zu heften. Er weist mich in korrektem Beamtendeutsch an, meine Beschwerde beim Vermieter zu deponieren und ihn weiter nicht zu belästigen. Druckreif. Der fuchtelnde Schraubenzieher spricht. Ich schaue ihm in die Augen. Sie flackern. Rückzug. Lege eine Rage-Against-The-Machine-CD ein. Lasse sie krachen. Zehn Minuten später: Auf der Strasse lärmt es weiter. Das Fluchen ist verebbt. Der Nachbar, ein Maschinengeschädigter im weiteren Sinn, ist verschwunden.
Er hat mir mal erzählt, es wäre ein Stromschlag gewesen.
Vor etwa einem Jahr läutete er morgens um zwei betrunken und bekifft an meiner Türe. In einer Hand hielt er eine Eineinhalbliterflasche halbgefüllt mit Eistee und im Flaschenhals ein Küchentuch stecken. In der anderen ein brennendes Feuerzeug. "I wan't to stick it in your ass and light" zischte er.
Er hatte mir auch mal erzählt, er hätte alles von Freud gelesen.
Im Uebrigen kann er ganz charmant sein. Er hat reizende Perücken, fast keine Zähne mehr im Mund und hat mir auch schon mal zur Entschädigung ganz anständiges Gras geschenkt. Er ist ein Schlitzohr.
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