11.02.2002 13 36 lb #251
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Das Eingangsportal des Migros Limmatplatz durchschreitend, habe ich eben weder die Arbeitslosenzeitung noch ein Sunrise-Festanschluss noch eine Gratis-Bibel gekauft. Nun schlägt mir ein Duft entgegen, der in mir einen kaum unterdrückbaren Fluchtreflex auslöst. Eine Mischung aus Pizza, Kaffee, gebratenem Fleisch, Süssigkeiten und Menschen. Viele Menschen. Auf Grossbildschirm talkt Bärbel. Auf Kleinbildschirm steht Ausser Betrieb. Dann eben nicht, bezahl ich halt an der Kasse mit EC. Rolltreppe anpeilen, runterfahren und rein ins Vergnügen. Was kaufen? Frühstück, ok, aber brauchen wir sonst noch was? Warum klebt der Einkaufszettel eigentlich immer noch an der Kühlschranktür? Also überlegen. Gemüse? Nein. Früchte? Eigentlich schon. Aber zu viele Leute vor der preisschildausspuckenden Waage. Man muss Prioritäten setzen. Nur das Notwendigste, also Brot, Butter, Milch. Los geht's.
He, hallo Lukas. Was machst denn du hier?
Einkaufen, Hohlkopf. Einkaufen. Weisst, ich wohn gleich hier um die Ecke.
Aha, ja klar. Und was machst sonst so?
Ja du, wie immer, studieren, arbeiten und so.
Ah, jaja, studieren...
Du, ich muss vorwärts machen, hab noch abgemacht.
Ah, ja klar. Können ja mal telefonieren.
Ok, ja, also, tschau. Telefonieren! Warum will die telefonieren? Hab noch nie mit ihr telefoniert und das soll in Zukunft BITTE auch so bleiben. Also, was brauch ich noch? Telefonieren! Brot, Butter und Milch. Warum nicht gleich zusammen in die Ferien? Brot erledigt. Butter und Milch erledigt. Nur weil ich mal mit ihr eine Vorlesung besucht hab muss man doch nicht gleich telefonieren. Kasse auswählen, anstehen. Fühle mich schlecht. Und jetzt auch noch warten, bis man endlich bezahlen darf. Kaum auszuhalten. Warum verdunkelt sich mein Geist jedes Mal, wenn ich in der Migros einkaufen gehe?
Haben sie Cumulus?
07.02.2002 13 39 lb #235
Ein schwerer Entscheid war nun zu fällen: entweder mit dem Auto alleine ein wenig durch Europa fahren und die Einsamkeit spüren, oder aber einen in dieser Stadt weit verbreiteten Grossverteiler aufsuchen und eine fixfertige Bernerplatte kaufen. Er begann, Vor- und Nachteile der beiden Alternativen abzuwägen. Für die Bernerplatte sprach, dass er seinen doch schon recht grossen Hunger beseitigen könnte. Von die Autofahrt allerdings versprach er sich Abhilfe seiner immer grösser werdenden Heimatmüdigkeit. Dass eine Autofahrt durch Europa ein ökologischer Widersinn ist konnte auch kein schlagkräftiges Argument sein, denn bekanntlich sind bei einer Bernerplatte Sauerkraut, Rippli, Kartoffeln und Speck schön separat (!) in Plastik verpackt. Zudem hatte er unlängst beschlossen, seinem Gewissen bei Entscheidungsprozessen nur noch marginale Kompetenzen zu gewähren. Langsam beschlich ihn ein unangenehmes Gefühl. Er hasste es, in der Schwebe zu sein. Hin- und hergerissen zwischen zwei gleichwertigen Optionen. Dass er morgen ein wichtiger Termin hat, war auch kein Argument, denn einerseits war der Termin zwar wichtig, aber auch höchst unangenehm. Langsam machte sich in seinem Hirn Panik breit. Er wusste was nun folgen wird: der Beschluss, mal eine Zigarette zu rauchen. Dann bleierne Müdigkeit oder rasende Kopfschmerzen. Dann das Schlucken einer Schlaftablette. Dann schlafen.
05.02.2002 04 12 lb #222
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Auf meinem Weg zum Migros fällt mir auf, dass an der Limmatstrasse ein neues Lädeli geöffnet hat. Thailändisch. Das muss erkundet werden. Ist schön eingerichtet. An der Kasse sitzt eine Frau. Beobachtet mich. Obwohl ich mich unwohl beäugt fühle, entscheide ich mich für einen überrissen teuren schwarzen Tee. Indonesisch. An der Kasse hat's sonderbare Früchte. Mangos? Sind das Mangos?
Ja, gute, und billig. Mit funkelnden Augen nimmt sie die grösste aus dem Korb und legt sie auf die Waage. Da ich aber nicht beabsichtige, Mangos zu kaufen, winke ich ab. Enttäuschung macht sich breit. Sind aber wirklich gut. Und gar nicht teuer. Ich hab aber immer noch kein Bedürfnis, Mangos zu kaufen. Sehen sie, nur 5 Franken 90. Und auch der Teekauf scheint mir nun nicht mehr zwingend nötig. SCHAU MICH NICHT SO AN, GELDGIERIGER DRACHEN. Und nimm diese Mango von der Waage, ich möchte bezahlen. Sofort. Oder...Wissen sie was, ich kaufe gar nichts. Ade.
Was? Ist aber Tee schon getippt, müssen sie nehmen. Also zahlen und gehen. Ein für alle Mal. Den Tee kannst behalten. Nur raus hier und eine Türe weiter zu den Kroatinnen. Die verstehen zwar kein Wort Deutsch, sind aber immer äusserst freundlich. Und Parisienne Mild ist ja auch nicht Deutsch.
03.02.2002 13 37 lb #215
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Dass ich erst über einige Müllsäcke steigen muss, um von der Haustür auf die Strasse zu gelangen, bin ich mich gewohnt. Heute aber ist's besonders schlimm. Vielleicht sollte ich in Zukunft SVP wählen, die wollen nämlich die Abfallsackgebühr abschaffen, was verhindern würde, dass dauernd irgendwelche Leute unsere Mülltonne überfüllen. Das wär doch was: Die SVP übernimmt das Ruder, Müll vor der Tür und intravenöse Suchtstoffabhängige auf der Strasse gäb's nicht mehr, dafür permanenten Sonnenschein. Überhaupt, die Sonne scheint ja mal wieder. Aber kalt ist's. Wenn ich friere denke ich immer an die zwei Huren, die jede Nacht vor unserem Haus stehen. Mit entsprechenden Kleidern. Auch im Winter. Anhand der rot angefärbten Zigarettenstummel die auf dem Trottoire liegen weiss ich, wo sie letzte Nacht gestanden haben: Unter der neu installierten Strassenlaterne. Die eine weiss inzwischen, dass ich hier wohne. Ich wechsle manchmal ein paar Worte mit ihr, manchmal braucht sie eine Zigarette oder Feuer. Die andere erkennt mich noch nicht, was jedes Mal, wenn ich abends nach Hause komme, zu Konfusionen führt. Ich habe mir nun angewöhnt, sie nicht mehr zu beachten, denn ich ertrage die Enttäuschung nicht, die über ihr Gesicht huscht, wenn sie merkt, dass ich nur nach Hause will.
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