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25.09.2002 15 57 lb #713
Warten auf Rückflug
Während Estragon und Wladimir auf Godot warten und sich dabei unterhalten, warte ich auf morgen und lasse mich von Beckett unterhalten. Denn morgen fliegt mein Flugzeug.
Aber was tun, am letzten Abend in Lissabon? Auf der gegenüberliegenden Strassenseite bietet eine Schauspielerin eine kleine Produktion dar. Sie hat sich gar abgefuckte Lumpen übergestülpt, sich ihr Kind (klein) auf die Schoss gelegt. Mit ihren Händen vollführt sie rhythmisch-spastische Bewegungen, stösst laut Klagelaute aus und verdient einen Haufen Kohle. Gönn ich ihr. Sie bietet ja auch was. Das Kind tut mir ein wenig leid, denn es wird in zehn Jahren mit gleichartigem Verhalten kein Geld verdienen. In der Klinik werden keine Touristen sein.
Noch was unternehmen? Seit Vorgestern ist Lissabon von einer Touristenwelle sondergleichen erfasst worden. Herbstferienanfang? Mag sein, interessiert mich auch nicht wirklich, bin ja nur noch ein paar Stunden hier. Ein paar Stunden warten. Ein paar Meter weiter spielt ein Saxaphon-Quartet klassisch. Würden gscheiter Jazz spielen. Immerhin ist die Baritonistin eine ausgesprochene Schönheit. Aber nur anschauen geht nicht, das Hirn verarbeitet ungefragt die ankommenden Schallwellen und präsentiert sie dem Bewusstsein. Nichts zu machen.
Gehen? Wohin? Auf der Strasse verteilen zwei blonde Mittelmässigkeiten auf Rollschuhen und in weissen Röckchen Werbekaugummis. Eher unelegant straucheln sie umher, jeder einzelne Pflasterstein spielt Stolperstein. Sie kämpfen sich von Tourist zu Tourist, versuchen jedesmal ein Lächeln. Den Kaffee bezahlen und gehen? Ja. Wohin? Irgendwohin. Wann? Jetzt. (Bleibe sitzen)
12.09.2002 21 47 lb #705
Liebe entecker-Leser,
da ich gestern aus einem Buch von Max Goldt gelesen hab, und darum nun eine Sperrfrist von zwei Tagen fürs Schreiben von Kolumnen ebenso wie von Nicht-Kolumnen einhalten muss, bleibt mir nichts anderes übrig, als euch eine Postkarte zu schreiben. Denn eine Postkarte ist meiner Ansicht nach weder eine Kolumne noch eine Nicht-Kolumne (darüber könnte man sich allerdings streiten) und kann darum auch kein Plagiat eines Schriftstückes von Max Goldt sein. Heute habe ich Kolumnen und Nicht-Kolumnen von Houellebecq gelesen. Die sind nicht so lustig wie die von Goldt, dafür furchtbar intellektuell. Es geht um Poesie, Werbung, Architektur, Gesellschaft, Pessimismus wie auch Positivismus und noch um viel mehr. Man muss viel mitdenken und schnallt trotzdem nicht immer alles. Manchmal kommt man sogar ins Nachdenken. Gestern habe ich übrigens ein Buch zu Ende gelesen, obwohl ich es von meinem Götti geschenkt bekommen habe (erstens), obwohl auf Umschlag und sogar auf Extraseiten im Buch midestens 15 Zitate aus Besprechungen des Buches abgedruckt sind, die das Buch in alle Himmel loben (zweitens), und drittens, obwohl es ein Fantasyroman mit einem kleinen Mädchen in der Hauptrolle ist. Das Buch ist miserabel. Manch einer wird sich jetzt fragen, warum ich das Buch denn überhaupt gelesen habe. Das ist eine gute Frage. Das Wetter ist übrigens gut hier in Lisboa, das Essen durchaus geniessbar, im WebCafe ist zwar die Maus miserabel, dafür bekommt man Kaffee serviert und man darf rauchen.
Viele liebe Grüsse
lb
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