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04.12.2002 18 56 juc #754
Beitrag zu tk's Eintrag ueber gesuenderes Leben:

Fidel Castro hat Quito besucht, um an der Einweihung der Guyasamin-Kapelle und bei den Fiestas de Quito dabei zu sein. Ich habe ihn in der Casa de la Cultura live gesehen.
Ich war wirklich beeindruckt! Er war ueberzeugend, der Mann kann grosse Reden halten. Wenn man bedenkt, dass er den selben Jahrgang wie der Papst hat, dann wird schnell eines klar: karibische Lebensfreude, Zigarren, Weiber, und vorallem ganz viel Rum scheinen sehr viel gesuender zu sein als das spartanische Leben im Vatikan.

27.11.2002 20 18 juc #744
Haruki Murakami, Wilde Schafsjagd
Georges Bataille, Das obszoene Werk
Jack Kerouac, Bep-Bop, Bars und weisses Pulver
William Gibson, Idoru
Thomas Pynchon, Die Enden der Parabel
T.C. Boyle, World's End
Raymond Carver, Wuerdest Du bitte endlich still sein, bitte
Jorge Luis Borges, Das Aleph
Haruki Murakami, Mister Aufziehvogel

13.10.2002 19 23 juc #727
Ecuador. Lateinamerikanischer Zwergstaat, Land der Korruption, der Bananen, des Kaffees, des Machismo, der verschiedensten Kulturen und natuerlich auch des Fussballs. Das wissen wir spaetestens seit der letzten Copa Mundial. Klar, dass sich Ecuador nur qualifiziert hat, weil die Equipo Nacional alle Heimspiele in Quito auf 2850 Metern ueber Meer austragen durfte. Nur Argentinien hat hier gewonnen, Kolumbien unentschieden gespielt, alle anderen Gegner mussten ohne Punkt nach Hause fahren. Sogar Weltmeister Brasilien hatte hier oben nicht genuegend Puste.

Um es kurz zu machen: Fussball ist hier Leben! Alles dreht sich um Fussball, alle sind Experten, alle sind Profis. Gespielt wird ueberall und immer. Die Strassen sind voll von Kindern, die ungeachtet der Autos versuchen den wirklich Grossen des Suedamerikanischen Fussballs nachzueifern. Natuerlich sind die Plaetze hier im Vergleich zu Europa in aeusserst schlechtem Zustand. Kaum ein Platz hat Rasen, die "canchas" wie sie hier liebevoll genannt werden gleichen unbestellten Aeckern. Es muss nicht betont werden, dass der Ball sich hier voellig anders verhaelt als bei uns. Deswegen besitzen die Latinos auch diese ungeheure, manchmal fast gespenstisch anmutende Ballkontrolle und diesen Instinkt im Umgang mit dem Leder. Es ist fast so, als ob sie eins sind mit dem Ball , sie treten ihn nicht, sie liebkosen ihn, sie spielen ihn virtuos wie Paganini seine Geige. Emotionen werden durch den Fussball gelebt, kaum ein Spiel in dem Diskussionen nicht in eine handfeste Schlaegerei ausarten. Verlieren ist keine Option. Da geraet das onehin schon heisse ecuadorianische Blut so richtig in Wallung. Das beginnt bei kleinen Streits um einen Einwurf oder einen Corner und gipfelt darin, wenn der von der WM beruehmt beruechtigte Schiedsrichter Moreno im Lokalderby in Quito 12 Minuten Nachspielen laesst und es so einem Team ermoeglicht einen 1:2 Rueckstand in einen 3:2 Sieg umzuwandeln.

Meine eigenen Erfahrungen hier mit der groessten und einzigen aller Sportarten sind so wie oben geschildert. Ich kaempfe, ich fluche, ich sprinte, ich spiele, ich schlage, ich trete, ich lache, ich weine, ich gewinne, ich verliere, ich lebe ihn ganz einfach, den Fussball. Ich unterscheide mich nicht im geringsten von meinen ecuadorianischen Mitspielern und Gegnern. Fussball kennt keine Grenzen, keine verschiedenen Kulturen, wer auf dem Platz steht ist Teil eines ganzen; ein wahrhaft metaphysisches Erlebnis. Man muss ihn einfach lieben!

Und manchmal, hier eigentlich meistens, findet man sich nach den Spielen in der Notaufnahme des Hospital Voz Andes wieder um seine Blessuren verarzten zu lassen. Aber wenigstens mit dem Gefuehl etwas getan zu haben und fuer kurze Zeit ein Teil der Weltgemeinschaft Fussball gewesen zu sein. Und natuerlich fehlt danach auch nie ein kuehles Bier!

07.08.2002 22 57 juc #671
Nachdem ich nun schon einige Wochen in einer der letzten richtigen "Macho-Kulturen" lebe, und in der Beziehung so einiges dazugelernt habe, erstaunt mich mein Resultat beim Gayometer schon etwas: 63%............, na ja, den Maedels hier scheint das nichts auszumachen! ;-))

23.04.2002 17 29 juc #519
Als Yün-yen den Boden fegte, sagte Tao-wu:" Harte Arbeit, nicht wahr?"
Yün-yen sagte:" Ihr solltet wissen, dass da etwas ist, was nicht hart ist."
Tao-wu sagte:" Wenn das so ist, gibt es denn einen zweiten Mond?"
Yün-yen zeigte seinen Besen vor und sagte:" Mond Nummer wieviel ist das?"
Tao-wu schwieg.

Ch`uan-teng-lu, XI

17.04.2002 18 05 juc #505
Ein ganz normaler Arbeitstag! Zuerst alle Computer rauffahren, überalll die Passwörter eingeben, diverse Fehlermeldungen beheben, die Kundenliste ausdrucken, mich in die Stundenliste eintragen und schon kanns losgehen.
Heute ist nicht viel los, nur ein paar wenige, namenlose Gestalten checken leise ihre Mails. Zum Glück ist da noch meine Aussicht direkt auf die Bahnhofstrasse, die heute auch nicht gerade grandios ist. Das Wetter ist nicht das beste und deshalb sind meine bevorzugten Objekte heute eher zugeknöpft. Nachdem ich meine gesamte Korrespondenz erledigt habe und zwei Stunden plan- und ziellos im Netz versumpft bin, passiert dann doch noch etwas. Plötzlich klopft jemand fröhlich an das Fenster zu meiner Rechten und reisst mich aus einem meiner Tagträume. Eher widerwillig und etwas erbost über die Störung tauche ich aus den Tiefen meiner Seele auf und entdecke eine Pennerin, wie sie im Buche steht. Sie winkt mir aufgeregt zu, und ihr alkoholisiertes Grinsen ermöglicht mir einen wunderbaren Blick auf etwas, das früher wohl einmal Zähne waren. Leicht verwirrt erwidere ich ihren Gruss. Ihr Mund verzieht sich zu einem Gröhlen und sie knallt lustig mit der Stirne an meine Scheibe. Ein gepflegter Fettfleck bleibt zurück. Anscheinend hat sie sich nicht weh getan, denn sie trollt sich von dannen und entschwindet meinem Blickfeld.
Kurze Zeit später öffnet sich die Schiebetüre zu meiner Linken und ich höre ein herzzerreissendes Grochsen. Als meine drei Kunden und ich kollektiv den Kopf drehen, da kriecht doch glatt meine Kollegin von vorher auf allen vieren in die Schalterhalle rein. Mühsam kämpft sie sich vorwärts, passiert die Schalter der Billetzentrale, touchiert das Bein einer dort wartenden Kundin, die wirklich sehrt erschrickt und kommt dann direkt auf mich zu. Obwohl ich sie sehe, ist es meine Nase, die mir eindeutig bestätigt, dass die Pennerin wirklich existiert. Als sie auf meiner Höhe ist, setze ich ein gequältes Lächeln auf und frage standardmässig, ob ich ihr helfen kann. Der Mund öffnet sich, Geifer tropft auf den Boden und aus dem Gebbrabel kristallisiere ich heraus, dass sie einen Fünfliber sucht, den sie hier irgendwann verloren habe. In Nanosekundenschnelle produziert mein Gehirn eine Überlebensstrategie, um die Situation zu bereinigen. Da ich die Luft nicht mehr viel länger anhalten kann, bleibt mir nur eines übrig. Ich krame mit zittrigen Händen einen Fünfliber aus meine Portemonnaie, knie mich nieder und drücke ihn ihr in die Hand. Auf mein aufmunterndes:“ Welch ein Glück, wir haben ihn schon gefunden“ hin, macht sie sich mühsam wieder auf den Weg nach draussen.
Zurück bleibt nur die surreale Erinnerung in Form eines sich ziemlich lange haltenden Geruchs.

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