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10.03.2012 14 38 af #2884
Wurm Badi 2 080511.jpg
hm...ich bin älter geworden. so ca. 2004 war ich zum letzten mal hier, na, wer bin ich wohl ? ich scheine es zu wissen, aber ich bin mir nicht sicher, wenn ich meine alten beiträge lese. statt runzeln nun furchen, statt muskelzerrungen arthrose. und erst das pissen. früher ruckzuck, heute würgtröpfel. naja, was solls. back home - golden earring....so um 1970. - nein, das bin nicht ich. dieses war beim letschten beitrag so knapp auf der bildfläche erschienen.

28.02.2012 04 19 JJ #2883
Am Ende des Bahnsteigs

Wenn ich reise, fängt das zu Hause an. Ich muss an viele Dinge denken. Die Heizung zurück drehen, den Abfall runter bringen, dreckige Wäsche mitnehmen, Dokumente einpacken, Licht aus. Vor der Türe prüfe ich mich auf Schlüssel, Ticket, Geld, Ausweise und Uhr.
Das erste Stück gehe ich vom Haus weg, in dem ich wohne. Es ist, als laufe ich aus der Nachbarschaft raus. Das Gefühl des Entfernens macht mich leichter. Ein paar Häuser weiter zieht es mich an die Bushaltestelle. Ich sehe nicht, ob gleich ein Bus kommt. Bis an die Hauptstrasse runter ist mir die Sicht verwehrt. Manchmal fährt mir dann der Bus davon und so, wie mich das kurz säuert, denke ich auch, "egal, reise - mach langsam".

Für den Bus muss ich an Kleingeld gedacht haben. Die Taschen hinstellen und ein Ticket lösen. Im Bus setze ich mich ganz hinten hin, weil das für den Weg zum Bahnhof am schnellsten ist. Ich laufe die paar Meter zur S-Bahn. Die S-Bahn ist mir unangenehm. Sie versprüht in mir das Gefühl, sie halte sich für etwas Besseres: DIE S-Bahn. Sie riecht unangenehm und irgendwie ist sie wie ein Uhrwerk pünktlich. Ich brauche drei Stationen, dann bin ich in der Stadt und am Hauptbahnhof. Hauptbahnhöfe sind teils wunderbare Bauten. Besonders gefallen mir jene, welche genietete Stahldächer mit Glasscheiben haben, hohe Bögen, welche mir die Stimmung von James Bond vermitteln - immer noch.

Für mein Wesen sind Menschen an Bahnhöfen eine Herausforderung. Jeder läuft im Zielmodus, so dass man möglichst keinen anderen sieht noch wahrnimmt. Jemanden beachten ist in einem Hauptbahnhof nicht zu erwarten. Für mich ist das hektisch und von viel Rücksichtslosigkeit, die mir nicht gut tut. Damit ich mich davor etwas bewahren kann, bin ich regelmässig zu früh vor Ort.

Es mag erstrebenswert sein, durch viel Abwechslung den eigenen Tag zu bereichern. Mein Sehnen besteht jedoch darin, mit weniger das Leben zu geniessen. Das ist heute nicht einfach, das Leben in Einfachheit zu gestalten. Das Konditionieren des Daseins ist ein riesen Geschäft, alles komplex, variantenreich und reguliert gestaltet, ich muss also dringend genau wissen, was für einen Kaffee ich bestellen möchte und was alles in mein Eingeklemmtes soll, welches sich heute 'Sub' nennt. Ich bin hierfür oft überfordert.

Um Momente der Einfachheit zu finden, so meine ich für mich, muss man diese 'entdecken'. Man muss 'Etwas' vielleicht mehrfach frequentieren, um zu merken, dass dieses Etwas seine eigenen Qualitäten hat und dass man diese, aus welchen hervortretenden Gründen, schätzen lernt.

Es schien heute die Sonne. Ich war meine dreissig Minuten zu früh. Dreissig Minuten zur früh zu sein, gibt mir das Gefühl, nächstens einen Zug zu besteigen, welcher über die Grenzen hinaus unterwegs sein wird, die Stimmung verbreitend, das Fremde beginne auf der ersten Wagenstufe.

Ohne es anfänglich zu merken, begann ich immer öfter, meine Taschen in Blickweite hinzustellen und den Bahnsteig an sein Ende hinunter zu laufen. Manchmal steht noch ein Zug und der fährt dann aufs Mal ab. Ich schaue dem rollenden Tross zu, höre seine Beschleunigung und bewundere die Bögen, welche der Zug zeichnet, wenn er in den Geleisen mit seinem Schlusslicht verschwindet. Dann ist der Bahnsteig leer und es liegt da ein Horizont.

Ich stehe am Ende meines Bahnsteigs. Dort ist kein Dach mehr, der Himmel ist unerwartet weit. Es ruht oder windet, es regnet oder es scheint mich die Sonne an. Niemand sonst da. Keine Kofferwalzen, keine Kinder, niemand raucht, kein Handy. Ich stehe auf Gleis 14 am Ende und da ist nichts. Selbst eine Lautsprecherdurchsage, welche über den einfahrenden Zug informiert, klingt verloren, als spräche die Stimme ins 'off'.
Nächste Fassaden und Werbebotschaften sind weit weg. Züge, auch nah gelegene, fahren in die Bahnhofshalle an mir vorbei. Keine Passanten. Kein Mensch. Ich setze mich auf die Bank, die leer ist, mein Gepäck bei mir, als weilte ich ob einer Klippe, einer Landzunge, einer Bergspitze, Steg mit Aussicht. Am Enden meines Bahnsteigs habe ich freie Sicht. Alles ist weit weg, nichts drängelt, Wind kühlt, es riecht hier frischer.

Gedanken entstehen in Bildern von Leuchtschriften, von Häusersilhouetten und dem Löwenzahn, der es nicht lassen kann. Wenn es verwegen wird, flitzt eine Maus den Geleisen entlang und ich finde wo einen Zwanziger. Am Ende meines Bahnsteigs fühle ich mich .. aufgeräumt.

In dieser Brache von Weite und Dünnem, von Entfernung und Endlichkeit, sitze ich zu früh auf meiner Bank und sonne mich, entspannend, Gedanken verlierend und irgendwie milde blickend, wenn der Schnellzug der Deutschen Bahn auf mein Gleis einfährt, rollend zum Ende, dort wo es heftig lebendig ist, in der Halle, wie beschrieben. Bei mir doch, da ganz hinten, trete ich, nach feinem Alleinsein unter Himmels Dach, Erbauung aus dem Weiten, auf dessen erste Wagenstufe.

Jona Jakob, Februar 2012

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