05.06.2007 17 03 mo #2601

Für die Katz' - Komponistenviertel Berlin
05.06.2007 00 25 JJ #2600
28.05.2007 18 26 JJ #2599
Nachlese zu Pfingsten
Michel Serres : Der Parasit
(Auszüge aus dem Kapitel ?Pfingsten?)
Zungen, die aus dem Wind und dem Brausen kommen. In Zungen sprechen nach dem Feuer, nach dem Lärm. An der Saaltür vernahmen sie ein gewaltiges Brausen. (...)
Der neue Sinn, der überall verteilt wird, geht aus vom Wind und vom Brausen. Hier wird nicht eine Sprache in mehrere übersetzt, hier werden mehrere Sprachen zur gleichen Zeit gesendet und empfangen. (...)
Nochmal von vorne. Das erste Kommunikationssystem, das wir kennen, ist das Leibnizsche. Es ist radikal und einfach. Niemand hat Beziehung zu irgend etwas noch irgend jemand, Türen und Fenster sind nicht nur geschlossen, sie fehlen überhaupt, und alles steht mit allem in Beziehung durch Vermittlung Gottes. Als einziger Mittler ist er allwissend und allmächtig. Welche Botschaften da über Gott zwischen den Monaden ausgetauscht werden, ist eine andere Frage. Das System ist vollkommen, es ist durch und durch mathematisierbar, de jure und de facto. (...)
Das zweite System ist das des Hermes. Es ist polytheistisch oder polyzentrisch, eine Kette von Sanduhren, ein Netz aus solchen Ketten. Die Engel, die vorübergehen, Götter oder Dämonen, halten die Kreuzungspunkte inne: Knoten des Austauschs, des Wechsels, Schnittpunkte, Gabelungen der Entscheidungslinien, Schicksalsspindel, Bündel, bei dem das Viele in einer Hand zusammenläuft. (...) Die Nachrichten, die Ströme gehen hindurch, abhängig von den Energien und den Störungen. Empfangen wird, was ausgesendet wird, zuzüglich oder abzüglich des Rauschens, der Parasiten. Zuweilen ist die Differenz beträchtlich: Was durchkommt, ist manchmal gleich null. Die Zwischenräume ruinieren die Hungernden. (...)
Das dritte System verbindet das Viele mit dem Vielen - ohne Vermittler. Es ist die Erfindung des Fürsprechers, des Paraklet, es ist Pfingsten. Das Viele steuert sich selbst. Das ist ganz neu, so neu, dass man an ein Wunder denkt. Im zweiten Netz sind die Dämonen und Götter zahlreich und bekannt, lokale Kleinkönige und Bonzen, kleine Oberhäupter und kleine Unterhändler von Geld oder Ideologie, Erpressung oder Information, wunderliche Despoten regionaler Banden. Im ersten System spielt sich alles an den Grenzen ab, das Lokale entspinnt sich zum Globalen, und die Mehrzahl zum Einen. Im Zentrum thront der König, d.h. der Sonnenkönig, die Sonne. Gott, so nennt Leibniz ihn. Er ist das Universelle der Kommunikation, er ist deren gemeinsame Sprache, Esperanto, Volapük, Musik, Algebra, universelles Merkmal oder calculus ratiocinator. Er ist der Kalkül, der in seinem Vollzug die Welt schafft. Kommunizieren heisst hier rechnen, und das heisst codieren. Nun, dieses Universelle kann auch Geld heissen, ein anderer Code, ein weiteres allgemeines Äquivalent. Für jede Bezeichnung ein Verteiler, ein einziger Wechsel für das gesamte Netz.
(...)
Die Frage ist, ob man ein Netz konstruieren kann, das frei von Kreuzungen, Verteilern und Schnittpunkten wäre, an denen sich die Parasiten niederlassen. Wo jedes beliebige Element mit jedem anderen in Beziehung treten könnte, ohne auf einen Vermittler angewiesen zu sein. Das ist das Pfingstschema.
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