27.11.2006 21 12 nik #2459
 Bakterielles Flagellum
Immer wieder werden völlig unschuldige Einzeller, Bakterien und anderes Getier aus ihrer Selbstvergessenheit gerissen und an die grelle meist populärwissenschaftliche Öffentlichkeit gezerrt. Genau dies geschah auch einem bestimmte Bakterium, welches sich mit Hilfe des so genannten Flagellums fortbewegt. Beim Flagellum handelt es sich um längere, von der Zelloberfläche abstehende, schwanz- oder peitschenartige Fortbewegungsorganellen bei einzelligen Lebewesen. In der obigen Abbildung ist der extrazellulare Faden und der in die Zellmembran eingebaute "Motorkomplex" abgebildet. Das "Motorprotein" Dynein verschiebt die so genannten "Mikrotubuli" was wiederum den Faden in eine Wellenbewegung versetzt und so schlängelt der Einzeller dahin bis...
Ja, bis Michael Behe, Professor für Biochemie an der Universität Lehigh in Pennsylvania, daherkommt und das Bakterium samt Flagellum zu seinem Studienobjekt erklärt. Doch eigentlich stimmt das nicht ganz, denn Behe hatte zunächst eine Theorie und dann wurde das Flagellum zu seinem Studienobjekt. Behes' Theorie lässt sich auf den knackigen Begriff der "Irreducible Complexity" reduzieren. Damit ist ein bestimmtes Argument aus dem Dunstkreis des "Intelligent Design" (ID) gemeint. Der Witz an der ?Irreducible Complexity? ist, dass Behe glaubt, in gewissen biochemischen Strukturen eine derart grosse Komplexität gefunden zu haben, die nicht reduzierbar ist und ?nicht reduzierbar? bedeutet in diesem Kontext, nicht durch die von Darwin postulierte natürliche Auslese entstanden. Das Flagellum sei, so Behe, ein solches System mit nichtreduzierbarer Komplexität; das Flagellum ist aus einer bestimmten Anzahl von biochemischen Bausteinen zusammengesetzt, die für sich alleine genommen nicht funktionstüchtig sind und erst in dieser ganz bestimmten Zusammensetzung jene Funktion übernehmen. Daraus folgert nun Behe und mit ihm die meisten Anhänger des ID, dass hinter dieser biochemischen Komplexität ein intelligenter Konstrukteur stehen müsse. Natürlich ist die Widerlegung dieser These - zumindest was den biochemischen Teil betrifft - eine lächerliche Fingerübung für jeden ernsthaften Wissenschaftler. Alleine die Tatsache, dass es Bakterien gibt, die nur den ?Motorkomplex? besitzen und dank diesem, ganz andere Eigenschaften haben, macht Behes These unhaltbar.
Doch geht es der Pseudowissenschaft ID gar nicht darum, ernsthaft in den wissenschaftlichen Diskurs einzutreten (und folglich die modernen naturwissenschaftlichen Methoden zu beachten), mit der Absicht die Falschheit der darwinistischen Evolutionstheorie zu Beweisen. Es geht nur darum, die mediale Öffentlichkeit auf Trab zu halten, indem in einem unglaublich geschickten PR-Feldzug die seriöse Wissenschaft instrumentalisiert wird. Denn mit solchen Scheinbeweisen, wie Behe ihn vorbringt, gerät die Wissenschaft in ein fast unlösbares Dilemma. Entweder ist sie bereit sich mit solchen Theorien auseinanderzusetzen und sitzt mit Vertretern an denselben Tisch, was voraussetzt, dass man dem ID wissenschaftliche Plausibilität zugesteht. Ein Etappensieg für Behe und seine Anhänger. Oder man verweigert sich dem Diskurs, was aus wissenschaftlicher Sicht angesichts der Faktenlage vernünftig ist. Allerdings würde dies dazu führen, dass die ID-Anhänger weiter ihr PR-Feld beackern könnten und das Bild der snobistischen und elitären Naturwissenschaft noch zementieren könnten.
Es mag auf den ersten Blick etwas überraschen, dass mit solcher Vehemenz und auf breiter Front gegen die darwinistische Evolutionstheorie vorgegangen wird. Die Evolutionstheorie ist in den Augen der ID-Anhänger nicht einfach eine wertfreie und rationalistische Theorie darüber, wie das Leben entstanden ist und sich entwickelt hat. Es wird argumentiert, dass, wenn die Evolutionstheorie richtig ist und wir somit das Produkt der natürlichen Auslese und des Zufalls sind, müssten wir auch all unsere ethischen und moralischen Wertvorstellungen über Bord werfen, da diese sozusagen von der materialistischen Sicht Darwins entthront würden. Oder umgekehrt bedeutet dies in der krassesten Auslegung des ID, dass die Evolutionstheorie die Wurzel allen menschlichen Übels ist: Krieg, Sünde, Laster, Gier, Wollust und liberale Osteküsten-Schwulenehe-Befürworter etc.
Übrigens ist das Bakterium, welches zwar keinen Faden besitzt, jedoch mit dem obigen Tierchen den Motorkomplex teilt, ein ganz übler Zeitgenosse: Es benützt den Motorkomplex um anderen Zellen ein fieses Gift einzuflössen und ist somit ein heimtückischer Krankheitserreger.
Beispielhalfte Reportage der ID-Adepten zum Thema: creation vs. evolution
27.11.2006 04 52 JJ #2458
Es sind die Wochen, in denen ich über die kommende Zeit nachdenke. Was könnte 2007 sein? Wohin? Warum? Wozu? Wofür?.
Es wird mir gelingen, dem alten Jahr langsam zu entweichen, rückwärtsgehend diesen Zeitraum zu verlassen, in welchem der Irrsinn gerade keine neue Möglichkeit findet, sich in der Form ohnmächtiger privater Amoralität widerlich zu verbreiten.
Aber draussen, also in dem neuen unberührten und damit noch wenig gefährdeten Raum von Zeit .. ich weiss damit kaum etwas anzufangen. Der Zeit-Raum ist vorhanden. Er ist konkret da. Aber in mir stellt das, was mir als Lebender in Zürich einen Zeit-Raum darstellt, keine weiter erstrebenswerte Form dar. Bereits mich beschämend die Systematik und materielle Ausprägung dessen, womit und worin ich zweckorientiert leben soll.
Lebensmitteltankstellen, Brotbackkioske, Bratwurstdönerstände, Nachteinkaufszeiten, Telefonrätselmoderatorinnen, Mietpreishöhlen, Pendelverkehrschweigen, Billigflugstatus, Markensortimentseinfalt, Human Ressource Squeeze, Kontaktlosigkeitsintimität, Geldwertschöpfung.
Das System kundenbindet uns Konsumenten auf den ersten beiden Stufen der Bedürfnispyramide in eine solch umfassende, wenn auch weitgehend brauchbare billigste Mittelmasswarenorgie, so dass Sozialbedürfnisse ihre Notwendigkeit verlieren, dass das, was Status sein könnte, wegen der dahinterdefinierten Moneysystematik bereits keinen wirklichen Status mehr darstellt sondern einzig neureiche Kaufkraft und jenes, was dann noch Selbstverwirklichung sein könnte ... das System weist diesen Teil eines Seins bzw Werdens bewusst von sich - fatal error.
Wie aber nun soll ich keine Mühe damit haben, den baldigen Zeit-Raum gedanklich suchen zu mögen, wenn die drei sozialen Bedürfnisstufen vom System so arg zermürbt werden, dass einzig Gedanken daliegen, Grund und Sicherheit in einer Konstanz von Alltagsbanalität bewältigen zu müssen. Wer dies für vier Monate nicht schafft, riskiert 'Sozialfall' zu werden.
So betrachtet, meine ich, kann die sprachliche Aburteilung eines Sozialfälligen als 'Asozialen' gar nicht korrekt sein. 'Sozial' wäre also dann, wer die ersten beiden Bedürfnisstufen konstant aufrecht halten könnte. Dabei ist dies biologische Arterhaltbanalität, kulturfrei und ohne jeglichen Schliff. Um dieses Minimum bemüht sich rund um den Erdball verzweifelt jeder, der geboren wurde.
Hingegen die Sozialbedürfnisse von Nähe, Wärme, Liebe, Anerkennung und Entwicklung seiner Persönlichkeit zu einem Selbstsein, das, wie mir scheint, was dem Begriff 'sozial' eine stimmigere Prägung geben würde ... es bleibt vom System des Konsums nicht nur ignoriert - nein, das System entwickelt viel mehr noch kundenbindende um nicht zu sagen fesselnde Kräfte, mein Sein in seiner Balance mehr in den ersten beiden Bedürfnisstufen kleben zu lassen, also meine Zeit und Kaufkraft dort hin zu lenken, auch damit die nächsten drei Stufen kein Werden von mir zu mir begünstigen können.
Welchen Sinn, frage ich mich, macht es, einzig für die beiden ersten Bedürfnisstufen zu leben, die kaum als 'sozial' bezeichnet werden können?
Könnte es sein, das frage ich mich zudem, dass mein 'schweigendes Weitermachen' auch zur Form des 'bewussten Mitmachens' wird und so vielleicht ein gesellschaftlicher Schrecken erster Güte?
Ich habe Mühe damit.
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