29.10.2006 00 39 JJ #2422
Es ist Herbst. In Deutschland.
Ich verlasse den 5-Sterne-Kern des Gebäudetrakts. Zu Fuss. Eher unüblich hier. Dabei muss ich an der Seite des Feierabendhauses vorbei, einem wichtigen Treffpunkt der letzten 20 akkuraten Jugendlichen, die ihrer jeweiligen Muttersprache der elf Industrienationen noch mächtig sind. Gestern wurde hier Jazz gesponsert. Von draussen sah es aus, als wäre Landdisco, mit Farbscheinwerfern und Lufballons. Es ist 11:00 vormittags. Ich laufe. Ich weiss nicht, ob ich mit dem Mobile Bilder schiessen soll. Der Beitrag von Newton, Arme zu knipsen wäre zynisch, schoss kurz hoch. Vielleicht doch, den Opel Calibra, in seinem abgeschossenem Erdebeerrot, dessen Ralley-Streifen-Beklebung jedem Conforamasofa den Schneid abrang. Ein Reifen platt, Rostkitt überm rechten Hinterrad, etwas gebrochen der Glanz der Scheinwerfer. Moosgrün auf dem Himmel des Wagens von den Bäumen, unter denen er wohl seit Wochen stand. Ich gehe rechts ab.
Mietskasernen, so weit das Auge reicht. Gebaut und gestellt von einem Chemiekonzern. Dem irgendwie einzigen Arbeitsgeber dieser Stadt. Bezeichnend die Anilin-Strasse oder der Soda-Weg. Laub überall, grosse alte Bäume, wie wir Schweizer uns das wünschen würden. Und darunter Menschen, die - ohne Ausnahme - einfach nur arm sind. Arm. Man wünscht ihnen nicht einmal kleinwenig Zahnweh, sie hätten es nach 40 Jahren Fabrikschicht nicht verdient. Bis ich ein erstes Bäckergeschäft sehe, bin ich an zwei Quartierkneipen vorbei, die beide geschlossen worden waren. Zu. Verriegelt. Dicht. Dann der Bäcker. Zwei Kosmetiksalons, der eine mehr auf 80er-Jahre-High-Tech, der andere eher esoterisch. Ich weigere mich, meine Füsse für 'ne Fusspflege hier hin zu halten. Nicht hier. Das tu ich diesen Mensch nicht auch noch an. Das kann bei Verlaub 'ne Nasenrümpfschickse in Zürich machen (ich freu mich zynisch). Weiter. Erstaunlicherweise kaum Hundekot auf den Fussgängerstreifen. Auch kaum Fahrräder. Vielleicht zu arm für Hunde und Fahrräder? Eigentlich niemand da überhaupt. Auch nicht Autos. Kaum jedenfalls. Sparkassenfiliale. Friseursalon. Auch für Herren. Das erlaube ich mir. Nase rein und angefragt - "Wenn se Zeit ham, setzen'se sich 'maj da hinn, des ham wa gleich." Die Patronin wäre ein eigenes Kapitel wert. Folgen Sie einfach der Vorstellung, sie wäre früher Wettkampftänzerin gewesen. Das Eitle, das Akkurate, das Blonde, das visage Aufgetragene, damnd... wenn bei der 'mal ein Furz entwischt. Ich möcht es nicht wissen. Na, da geht auch schon eine Hintertür auf und 'ne ältere Dame setzt sich neben mich. Redet gleich drauf los. Keine Begrüssung, einfach gleich ins Gespräch. Nicht unangenehm, aber ohne Chance, selber in die Bunte gucken zu können, obwohl Boris Becker doch nun zu Weichnachen .... nö, geht nicht, keine Chance. Die Alte hat mich im Fokus und behält mich dort. Sie ist dran. Waschen, Föhnen. Es schneidet mich dann zu meiner Überraschung die junge. Jung. Sehr jung. Hände wie Seide. Bleich wie Magermilch. Da die Patronin redet, hat sie nichts zu sagen. Wir kommen doch ins Gespräch, bis ich zugeben muss, nicht von hier zu sein. Sie erstaunt. Woher ich denn käme? "Aus Zürich."
"BITTE, BITTE, NEHMEN SIE MICH GLEICH MIT!"
Ich dachte, ich hätte das schon bei der Fusspflege verhindern können, aber jetzt war ich doch angeschossen. Es war dann nicht soo stressig, aber die sehr junge Frau wäre mitgekommen. Um jeden Preis. Die war fibbelig und vergass dabei, mir den Nacken entsprechend zu kürzen. Ich hab nun was von 'nem regionalen Fussballspieler. Bis Montag, auf alle Fälle. Das Ganze kostet dann 11 Euro. Die Chefin im Rücken palavert noch immer. Ich sage "Dreizehn ist gut." lass der sehr jungen aber die ganzen 4 Euro zurück, die meine beiden Geldscheine hergaben. Glück, denk ich in dem Moment, ist nicht Geld, sondern gesehen zu werden. Ich schau sie an und sag ihr: "Sagen Sie es einfach immer laut und deutlich - ich möchte gerne in die Schweiz! - und nicht aufgeben. Nur auf diese Weise kann jemand dann aufstehen und sagen, ok, kommen Sie mit. Einfach weiter machen." Schirm noch mitnehmen, dann raus. Ich bin leer.
Der Platz, wie soll ich sagen. Er verlief in vier kleinere Strassen von denen mit nicht eine aufgrund der Bauansätze ermutigte, dort meinen Weg fortzusetzen. Ich wählte rechts, um im Kreis zu gehen. Fussweg, ungepflegtes Gemeindegrün, Bahnunterführung, Pechgeruch. Andere Seite. Sah nicht ermutigender aus. Eine Kneipe. Ebenfalls definitiv geschlossen. Ich hatte ja schon im Hessischen Wald etwas Abstand zu dem Kleinmief genommen, wurde nicht warm, mit der Feuchtigkeit der Plattenwände und Normfenster. Aber hier. Hier war kein enormer Wald. Hier war das Zentrum einer Stadt und die Häuser miefiger, die Gärten feuchter, das Grün ins Kraut geschossen, die Autos alle über 10 Jahre alt. Wenn einer fuhr, war er röhriger zu hören oder blauer zu riechen.
Ein Büdchen, Zeitungskiosk. Männer. Alte Jacken. Krumme Mützen. Rauchwaren. Hervorgehusteter Auswurf. Schweigen. Seit Jahren. Herbst. Die Deutschen haben Totenschädel auf ihre Jeeps gepappt. DIE BILD schreit. Da fährt eine Tram vorbei. ...
... eine Tram. Ein aerodynamisch-geräuschloses-windschlüpfriges-wohlgestyltes-werbebedrucktes-niedergeflurtest Tram. Hier. Hier?Das gibt kein Gefühl von Hoffnung und Neubeginn ....
DIESE TRAM WIRKTE AUF MICH, ALS WÜRDE SIE KEINE HOFFNUNG MEHR AUSSTRAHLEN, SONDERN EINZIG DEN KONKRETE BEWEIS DAFÜR, DASS FÜR DIE FÜNF MÄNNER BEIM BÜDCHEN IRGEND EIN ZUG LÄNGST ABGEFAHREN WAR. Mein Eindruck. Mich verlässt der Mut, dort 'n Stern zu kaufen. Gehe einfach. Graue Gärten. Hinweisschilder auf den Chemiekonzern und das Stadtklinikum. Ich denke, dort wird dann wohl ein Lokal gegen 12:00 mittag etwas auf haben.
Es folgt ein Passieren, das wegen eines Baumes etwas zu eng würde. Die sehr alte Dame, süss, überbunt bekleidet, sehr damenhaft, mit weisser Haut und dramatisch schwarz gezeichneten Augenbrauen ... und etwas Haushaltspapier hinter dem Ansatz der Archillesferse, damit die eher angeschlarpten Pumps doch hielten ... Sie sah mich an, der ich aus Rücksicht kurz wartete, hielt ihre Einkaufstüte von Schlecker und die beiden Rollen Haushaltspaier unter Arm geklemmt und straight an mich:
"... wenn ich nur unter dem rechten Fuss nich soo a schlimmes Hühneraug hät! ..wissen'se ... seit mei Mann gestorben isch, vor 32 Jahren, nur mit der Wittwenrente, da könne se sich sowas ned mehr leisten. 28 Jahre war er bei der XYCZ! Schicht hat er gmacht. Jahr für Jahr. Bis er krank wurde. Ersch der linke Lungflügel. Immer Wasser und Blasen. Zletscht Blut. Dann musst er opperiere, ein Stück Lunge nausnehma. Das ging dann, aber nimmer so wie vorher. Und rechts wars dann auch ned einfach. Was soll ma tun?" -
...ich weiss nicht, wie ich da weg kam. Ich hätte ihr die Fusspflege spenden sollen, die ich mir nicht zusprach.
Ich erreiche das Stadtklinikum. Zuvor noch ein alter Bau, der mit 'Projektleitung Renovation Klinikum' angeschrieben ist. Der Kasten wirkte so an die Vierzig. Überm Portal hatte er einen enormen Schwebebalken, wie ein Bugspriet eines Segelschiffes, und an dem hing ein roter simpler Ring. Alles enorm gross. Und mir einzig das Gefühl verschaffend, wenn der Finger müde wird, fällt der Ring des Lebens. Man kommt. Man geht auch wieder. Und dazwischen - mit Tucholsky gesprochen - war alles kleinwenig zu laut.
All die alten Karren, die an der Strasse parkiert standen. Graubedeckt, wie jene alten Karossen, die in Schlieren ganz hinten nach Polen oder in den Libanon verkauft werden. Hier noch einglöst. Alles kleinste Steuerklasse, gebastelt. dreckig, hoffnungslos, stehend, als hätten deren Eigner das Spital nicht mehr verlassen. Jedenfalls nicht mehr selber des Autofahrens vermögend.
Ich muss 'mal für Jungs. Wo also endlich ein Lokal. Andere Strassenseite. Atilla Grill. Zu viele Griechen hier. Pizzeria Napoletana. Am Eingang vor mir ein sehr alter Mann. Am Gehwagen gehend, damit er Krücken vermeiden kann. Ich sag noch von hinten: "Warten Sie, ich helfe Ihnen." Da krieg ich zur Antwort: "Bin selber im Krieg gewesen. Das schaff ich schon noch." Drinnen wird Herr Kern vom Junior und der Patronin mit "Guten Tag Herr Kern, was hätten Sie heute gern?" begrüsst. Hier alles sauber und adrett, aber von einer Synthetik, dass ... vergessen wir's. Die Toilette war wirklich sauber und das Essen wurde aufmerksam serviert. Was mir zu fest nach Findus schmeckte, lies ich einfach sein. Der Rest war ok.
Noch letzte Meter. Ums Klinikum rum. Parkallee. Strassenanlagen, als hätte ein Chemiewerk-Architekt der 20er-Jahre als kleiner Albert Speer der Konzernleitung einen Politbesuch imagemässig aufbessern dürfen. Senioren bestaunen das moderne Rondell-Restaurant, zwischen Klinikum und Feierabendhaus aus Stahl und Glas modern errichtet. Leute essen fünf-sternig. Was das sei? Das gehöre zum Direktionshotel des Chemiekonzerns. Es sei neu und man müsse nur drum herum dazu kommen. Ach so.
Am Boden gelbe Blätter von Platanen, die die Breite der Strassenanlage bedecken. Es könnte hier schön sein. Zürcher würden für sowas schwärmen. Mich aber labt einzig, dass der feuchte Lehmdreck an meinen Mokkasins auf dem schwarzen Granitglanzboden der fünf Sterne eine Spur des Quartier hinterlässt, reinschleppend bis auf den Teppich des Glas-Stahl-Liftes.
Nachtrag eins. Der Zimmerfrau geb ich aus lauter Ohnmacht einen 10-Euroschein, was die schon wieder mit "Das könn se ned mache..." versucht, abzutun. Drei Minuten später hab ich noch Früchte aufm Zimmer. Verschraubt, wie Sloterdijk den Zynismus runternotierte. Verschraubt.
Ludwisgshafen bei Mannheim, die letzten drei Tage.
Nachtrag zwei. Der ehemalige Bundeskanzler veröffentlicht seine kiloschweren Memoiren. Als Staatsmann. Als Hungerjunge. Als Europabauer.
"BITTE, BITTE, NEHMEN SIE MICH GLEICH MIT!"
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