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24.10.2006 17 07 mo #2418
bookfairtomatoes.1.jpg

22.10.2006 12 25 JJ #2417
Mutter

Ich trage dich wie eine Wunde
auf meiner Stirn, die sich nicht schliesst.
Sie schmerzt nicht immer. Und es fliesst
das Herz nicht draus tot.
Nur manchmal plötzlich bin ich blind und spüre
Blut im Munde.

Gottfried Benn.

20.10.2006 00 47 JJ #2416
Unliebsames Aufhängen.

Wenn Limbach etwas nicht mochte, dann war es, Telefongespräche zu beenden, welche er mit Leuten führte, die er mochte. Das Gespräch noch im Klang, im Rhythmus als sei's 'that's jazz', frei, ohne Noten, einfach gespielt, suchend, trennend, einlenkend, solo, abnehmen, weiterleitend, drüberlegend und ungesehen lächelnd, da rund.
Dann der erste Bruch.

Vom Unbewussten in die Kognition, nun 'beenden zu müssen', warum auch immer. Schon ein "du, ich muss dann 'mal..." wirkte in ihm jeweils, als würde der Kellner direkt vor ihm stehend, mit seinen drei Fingern das Eis aus seinem Drink klauben, eben, warum auch immer. Das Lösen um des Lösens Willen, nicht ein Lösen aus des Willens Lösen. Wer will das schon? Und egal, wie lange sich nun diese Strecke hilflosen Säuselns hinziehen tat, das nächst Folgende bedeute ihm schon vor der Tat ein Grauen, eine Unhöflichkeit und ein wirklich zu verbietender Handgriff unter all den möglichen Handgriffen des Tages.

Gerade in dem Widerspruch, noch ein letztes gehauchtes "Tschüss, schlaf gut, ... ich dich auch" für Sekunden zu erhalten, so anvertraut im Hauch bemüht, ganz nah am Ohr zu sein, sinnlich sogar in der Wärme des Telefonhörers sich fortsetzend, gab es für Limbach dann einen Spektralbogen dreier Phasen schlichten sich ins eigene Fleisch Schneidens:

In einem ersten Schritt den Hörer nun vom Ohr wegzunehmen, also zu entfernen und wegzudrehen, kam ihm stets vor, als würde er die betroffene Gesprächsperson körperlich von sich wegziehen und vom bezogenen Blick her abdrehen, als möchte er nicht mehr in ihr Gesicht sehen.

Den nächsten Schritt sah er in der Unstimmigkeit, so selbstbetrügerisch um Achtsamkeit im Gespräch bemüht, liegend und rekelnd und krakelnd im Gespräch vertieft zu sein und jetzt, da die Verbundene weggezogen und abgedreht wurde, folgt der engagierte Ruck, den ganzen Körper erfassend, kraftvoll, Stuhl erzitternd, Atemluft prustend, Hosennaht platzend, Vorhang runter reissend und Katzen verscheuchend, also insgesamt doch enorm um im Final des plötzlichen innerlichen Rucks den Telefonhörer wieder bewusst erleben zu müssen, wie er Plastik klackend, Schweiss klebrig und Form gepasst in die für ihn vorgesehene Vertiefung scheppert, wo er Drittens, einen Hebel niederlegt, der im Gerätgehäuse selber die elektronisch so feine Verbindung zur kabelkalten Leitung reduziert, in dem er Guillotinen mässig den Draht abreissen lässt.

Limbach hatte also soeben "Ich dich auch" geflüstert und kappte nun, einem Partisanen gleich so was von die Leitung, das es ihn darüber jedes Mal für Sekunden erschütterte und er geneigt dazu war, nochmals kurz anzurufen, um sich hierfür zu entschuldigen.

Ganz anders doch, so dachte Limbach, beim Versand eines eMails. Gerade im harten Anschlag der Entertaste, in der willentlichen Absicht, 'Sie' zu entern, und dem möglichen Mausklick, kräftiger diesmal als sonst, wohnte so viel mehr ein Tritt in den Hintern inne, die Postille möge sich noch schneller bei ihr anzeigen. Doch am Telefon?

Er verlor sich gedanklich darin, die alte Fader-Funktion des Tape Decks mit einer Telefon-Gesprächserkennung in Verbindung zu bringen, ihr 'Ade' ins Leise abklingend zu vernehmen, wie ein sich ausblendendes Musikstück. / 2006.

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