15.10.2006 01 13 pet #2399
Das Epizentrum des Chaos befand sich einige Zentimeter hinter dem Schädelknochen im Stirnlappen. Die Lokalisierung erfolgte mittels eines stechenden Schmerz, der in der Nacht zum Aufwachen führte. Die Beschreibung der Dinge fällt in Beliebigkeit auseinander. Er ist sie. Es ist nichts. Die Dinge sind verschwommen zu einem Klumpen von Ungefährheit. Angst droht keine, weil nichts verloren geht, was einmal da war. Fast ertönt eine symphonische Kakophonie. Das Vakuum der Undefinierbarkeit ist ein ekelhafter Zustand der Vergessenheit, die alles nur halb geahnt und nichts gewusst hat.
14.10.2006 20 34 JJ #2398
Das 'Erwarten' wird heute nicht mehr 'er-wartet' sondern viel mehr 'er-heischt'. Der eigentliche Sinn im 'Er-Warten' ist der Moderne abhanden gekommen, indem Marketingwogen sublimieren, dass ein Teil des Glücks darin bestehe, das (Er-)Warten durch irgend welche Tricks, Mittel oder Massnahmen abkürzen zu können.
Das Erwarten hat bzw. behält seinen Sinn aber einzig darin, wenn gewartet wird. Mit jedem Wirken, das Erwarten abzukürzen, warten wir eben ganz und gar nicht mehr ab. Es ist vielmehr so, dass wir in der Tendenz den Lauf der Dinge dann in seiner zeitlichen Entwicklung, erzwingen. Wenn wir uns dann fragen, warum dem Erreichten etwas fehlt, das glücklich machen könnte, wäre es dann möglich, dass es eben an diesem 'Erzwingen' liegt?
14.10.2006 19 34 pet #2397
Der Körper ist entspannt, das Blut zirkuliert unter den Riemen des tiefen Schlafes ungehindert. Der Körper ist der Anfang und das Ende, die Aussengrenze und der endgültigste Unort den es gibt. Vermögend der Intuition gefesselt frei zu sein, denkt und fühlt sich der Körper als Raum, den zu durchschreiten ein Leichtes ist. Diese Täuschung ist das lebensnotwendige Gift.
14.10.2006 15 53 JJ #2396
Du musst nur die Stelle kennen.
Ein grosser kräftiger Mann öffnete mit seiner linken wuchtigen Hand den zu kleinen Knopf seines rechten Hemdärmels. Dann fasste er mit den vier Fingern unter die Ärmelkrempe und stiess dabei gleichzeitig den Daumen von der Gegenseite gegen das verdickte Absatzstück. In der Weise faltete der grosse kräftige Mann seinen rechten Ärmel sozusagen rollend Lage für Lage nach hinten auf die Höhe des Ellbogens.
Dann drehte er sich langsam mit der rechten Hüfte zum Kaltwasserbecken und streckte seinen rechten Arm bis zum Hemdanschlag langsam und sachte ins kalte Wasser. Das Kaltwasserbecken wimmelte wellig von dunkelgrauen, bläulich schimmernden Frischwasserfischen, Forellen, um genau zu sein von Bachforellen, gross und fest, wie alles Ländliche.
Der kleine Junge, der bisher alles beobachtet hatte, ängstigte sich etwas darüber, dass der grosse kräftige Mann seinen Arm unter die Tiere trieb. Noch wusste der Junge nicht, was er vor hatte. Nur alles sehen konnte er, da das Becken aus Glas war und die Scheibe nicht angelaufen.
Der grosse kräftige Mann lächelte den Buben an, der sich über die Nervosität der Tiere erschrak und sprach: "Schau, es sind schnelle, gescheite und schöne Tiere. Sie wissen, dass ich ins Wasser greife." ... und dann gelang es dem grossen starken Mann, einer schillernden Bachforelle mit seinem dicken Zeigefinger den Nacken zu streicheln. Einfach mit dem Handrücken des Zeigefingers, vom Kopf bis zur ersten Rückenflosse und zurück. Das Tier, zuvor noch verängstigt mit den andern im Kreis geschwommen, hielt still und war so ruhig, so seitlich am Glas, dass der Junge die Ruhe spüren konnte.
Noch während der grosse kräftige Mann seinen Arm aus dem Becken zog, sagte er zum Jungen: "Das geht auch mit Hühnern, Katzen, Hunden, Kühen und Pferden. Du musst nur die Stelle kennen." Dann legte er kurz seine trockene linken Hand dem Jungen über den Nacken auf dessen linke Schulter, sah ihn von oben herab lächend an, nickte zur Bestätigung schweigend und liess den nun völlig ruhig dastehenden Jungen für einen Moment mit seinem Staunen alleine.
Text by JJ - Juni 2006
14.10.2006 01 36 pet #2395
Bülent, Inhaber des Flash-Points am Goldbrunnenplatz, kenne ich nun seit etlichen Mahlzeiten. Meine Bestellung endet immer mit dem Wort scharf. Bülent überhört es konsequent. Ich bin langsam stinkesauer auf ihn. Jedes Mal, wenn er mich herzlich begrüsst, versöhne ich mich wieder mit ihm, bis ich wieder die Schärfe nicht kriege, die ich wollte. Er ist immer schneller mit dem Fladenbrotwickeln, als dass ich wiederholt "scharf" sagen könnte. Mit leicht nachlässiger Hand wickelt er es wieder aus und schärft es. So milde wie Bülent lächelt kein mir bekannter Kebabier.
13.10.2006 18 45 JJ #2394
Vorgefühl.
Als er ankam, begrüsste sie ihn herzlicher, als er es für sich gewünscht hatte. Trotzdem ging er und tat als wär nichts. Sein Rendez-vous hielt er für unverbindlich. Der Abend bekam ein überfreundliches Gesicht. Schon dass der Vater ihn zum Übernachten einladen wollte, gefiel ihm nicht. Er nahm sich vor, aufzupassen.
In einem unvorhergesehenen Moment sah er gerade noch, wie sie sich ihrer Mutter um den Hals warf. Nicht zur Begrüssung, nein, sondern aus Glücklichkeit über einen Sieg, von dem der Verlierer nichts wissen sollte. Hatter er nicht soeben etwas Überlegenheit in ihren sonst treuen Zügen entdeckt?
Er grinste für sich und faszinierte sich Szenen wie im Film aus. Sein Grinsen verschwand und sein Bewusstsein um die momentane Situation trat wieder in den Vordergrund. Was er dann zum Übernachten brauchte, bekam er von ihrerm Vater schneller als er es sich in seinen Gedanken zusammenstellen konnte.
Er blieb.
Seine Gedanken verflossen in Bildern des TV's, sein Körper schlief langsam ein. Als dieser 'berührt' aufwachte, meldete der Kontakt mit anderer Haut. Nur sie sass noch neben ihm und so wurde auch schlagartig sein Geist wach. Sie war frisch gekämmt und roch angenehm. Obwohl der TV zu Ende war, machte sie keine Anstalten aufzustehen. Nun war auch er sich langsam der Sache sicher. Er blieb sitzen und studierte noch an einer Frage zum Moment, als sie ihren Kopf an seine Brust lehnte. Die Frage blieb im Sumpf seiner Gedanken stecken. Nur der Reiz, sich verführen zu lassen, stieg in ihm.
Der Rest wurde eine angenehme Nacht.
Obschon er sich freiwillig zeigte, fuhren seine Gedannken mit "für und dawider" Autoscooter. Auch sein Lächeln am nächsten Morgen muss künstlich gewirkt haben. Er war froh, als er dieses Haus endlich verlassen hatte. Seine Situation konnte er sich noch nicht wirklich ausrechnen. Ein kalte Unsicherheit beschlich ihn.
Später wusste er noch, dass er überrumpelt worden war, dass er eigentlich schlecht im Bild stand. Er war darüber keineswegs unruhig. Auch als er für sie dann ein Schwein war, machte es ihm nichts aus, diese Rolle ihr zuliebe zu übernehmen. Schliesslich war nicht er es, der Regie führte, in diesem Film.
Text by JJ - 1980
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