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12.09.2004 21 49 moo #1879
Tages-Anzeiger; 08.09.2004; Seite 15
Zürich
NACHGEFRAGT
«Ich würde noch so gerne billiger bauen»
Zürichs Finanzchef sagt, warum die Stadt eine provisorische Beiz für viel Geld renoviert. Man sei eben Sklave der Vorschriften.
Mit Stadtrat Martin Vollenwyder sprach Niels Walter
Herr Vollenwyder, überall heisst es: sparen, sparen, sparen. Doch offenbar reicht das Geld noch, um für 1,4 Millionen Franken das alte Tramhäuschen an der Sihlbrücke auszubauen (TA vom Dienstag). Da stimmt doch etwas nicht.
So kann man das nicht sagen. Die 1,4 Millionen sind ein Gesamtprojektierungskredit, wie ihn die öffentliche Hand vorlegen muss - Reserven und Unvorhergesehenes inklusive. Das heisst, es ist sehr gut möglich, dass der Umbau der Tramstation deutlich billiger wird als die 1,4 Millionen.
Trotzdem: Die Stadt muss Standards erfüllen, die ins Geld gehen.
Ja, leider. Wir haben wahnsinnig hohe Standards und eine unglaubliche Dichte von Vorschriften. Das bestreite ich nicht. Doch wir müssen uns an die Rechtsnormen halten, gerade als Exekutive und öffentliche Verwaltung.
Kann sich die öffentliche Hand diese Luxusstandards heute überhaupt noch leisten?
Man sollte so oder so mit den Standards herunterkommen - natürlich auch wegen der heute knappen Finanzen. In unserem Hochbaudepartement läuft deshalb auch ein Projekt mit dem Titel «Zürich baut gut und günstig». Da werden alle Standards hinterfragt. Aber nochmals zu den 1,4 Millionen für die Tramstation: Das muss am Schluss nicht der Steuerzahler berappen, sondern der künftige Beizer . . .
. . . der dann die Preise erhöht. Im Endeffekt zahlt das der Gast, also der Steuerzahler.
Das stimmt, man zahlt die Investition dann über den Teller Pasta.
Ist das im Sinn eines Freisinnigen?
Natürlich nicht. Aber die Tramstation ist kein gutes Beispiel. Wir sind an die Grenzen des Möglichen gegangen, dass diese Beiz überhaupt so lange provisorisch möglich ist. Ich bin sogar persönlich mit Vertretern des Kantons vor Ort zusammengesessen, damit dort eine Terrasse gebaut werden kann. Ich sage immer: Wir sollten so viel als möglich ermöglichen und gute Ideen nicht verhindern.
Doch genau dies scheint nun der Fall zu sein bei der Tramstation. Die jungen Unternehmer werden ihre provisorische Beiz nicht mehr so weiterführen können wie bisher.
Es war immer klar, dass man diese Beiz einmal renovieren muss. Und sobald wir etwas machen, müssen wir uns sklavisch an die Auflagen und Vorschriften halten.
Also: Weg mit den unsinnigen Auflagen!
Schön wärs. Aber jedes Mal, wenn man die Gesetze ausmisten will, entstehen Probleme. Es gibt immer solche, die sich dagegen wehren. Auch Vertreter der Wirtschaft. Viele Baunormen sind in Gesetze eingeflossen, weil sich damit Geld verdienen lässt. Schraubt man die Standards herauf, kann man mehr liefern und bauen.
Zum Beispiel getrennte Toiletten für Personal und Gäste.
Genau. Der Toilettenlieferant hat sicher nichts gegen separate WCs für Frauen, Männer, das Personal und die Behinderten. Wie gesagt, es ist nicht einfach, die Standards abzubauen.
Haben wir in der Schweiz wegen des Wohlstands den gesunden Menschenverstand verloren und den Perfektionstick gekriegt?
Wir haben uns eine Absicherungsmentalität angeeignet, ich nenne sie Vollkaskomentalität. Niemand will mehr entscheiden, alle wollen sich absichern. Ich würde bei der Tramstation noch so gerne sagen: Wir machen da nur ein WC, das genügt. Doch dann kriege ich Haue, und es heisst, ein Stadtrat hält sich nicht ans Gesetz. Was Verantwortung betrifft, sind wir in der Verwaltung stark eingeschränkt. Ich würde noch so gerne billiger bauen. Wir versuchen es ja auch - im Rahmen des Gesetzes.
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