07.08.2004 16 43 lp #1845
Es ist natuerlich unsinnig, eine reaktionaere Haltung zu etablieren, bin ich etwa Wilhelm Tell?
Um es mit Voltaire zu sagen: "Man muss seine Feinde kennen." Man muss studieren, was man verachtet, nicht die Verachtung aussprechen. Dies fuehrt natuerlich unweigerlich zu einer sarkastischen Grundhaltung. Ehrlich ist es auch nicht, aber wer ehrlich ist, stirbt in dieser Gesellschaft innert Jahresfrist. Wenn nicht frueher.
So laeuft es eben ueberall. Wenn ein Politiker dem anderen Politiker die Hand gibt und dabei laechelt, sollte man sich nicht beirren lassen und meinen, dies sei ein Sympathielaecheln, ein Laecheln, welches Waerme haette, kurz, man sollte sich nicht von seiner romantischen Ader ueber die Beschaffenheit der Welt hinwegtaeuschen lassen. Es ist jenes "ich bin doch auch nur ein 3. klassiger Schauspieler in einem 4. klassigen Stueck, welches sie 'das Leben' nennen; ich wollte das Script umschreiben, als ich jung und dumm war, heute, nachdem ich 80 Prozent meiner Ideale verraten habe, geht es mir doch viel besser" Laecheln.
Natuerlich lache ich nicht bei Harald Schmidt, das Ueble an Harald ist, dass er das zum Beruf gemacht hat, was jeder mit etwas Geist tunlichst fuer sich behaelt. Genauso wie man sich nicht in einer Talkshow einen Katheter mit integrierter Kamera in den After einfuehren und den Darm Geschichten erzaehlen laesst.Man tut sowas eben nicht. Und dennoch tun sie es. Man muss den Feind kennenlernen. Man muss kalt werden, bis das letzte Fuenkchen Wut exorziert ist. Und dann schuettelst Du selbst uebelsten Star TV Moderatorinnen die Hand, machst ihnen Komplimente ueber ihre Leistungen, und Du machst es so gut, dass Du schon fast selber glaubst, was Du da sagst, wenn Du noch irgendwas glauben koenntest, was natuerlich nicht mehr der Fall ist, nicht in diesen Belangen, denn weit wichtiger ist es, ein bisschen nett Belanglosigkeiten bei einem Drink auszutauschen als die Leute mit der (ogottogott) Wahrheit vor den Kopf zu stossen. Ich bin schliesslich nicht Nietzsche.
Natuerlich, alles muendet in Dekadenz. So ein bisschen.Ich meine, man muss das alles locker sehen, das ist besser fuer die Nerven.
05.08.2004 16 21 mo #1843

Überall auf der Welt sei das Bankgeheimnis eine der stärksten Assoziationen mit der Schweiz und werde oft noch vor Käse und Schokolade genannt. An anderen Rohstoffen krankt es - heisst es.
01.08.2004 14 42 mo #1841

Am Anfang stand ein Text von Goethe.
01.08.2004 13 36 mo #1840
Die moderne Schweiz ist eine gute Erfindung. Sie gründet nicht auf Revolution und Eroberung, nicht auf Emotion und blossem Renditedenken, sondern auf politischer Vernunft. Es ist immer noch sehr sympathisch, im Kleinstaat zu leben.
29.07.2004 21 16 lp #1839
28.07.2004 16 50 nik #1838
Was passiert, wenn man Country Musik rückwärts spielt?
Deine Frau kehrt zu dir zurück, dein Hund wird wieder
lebendig und du kommst aus dem Knast heraus.
28.07.2004 15 27 dh #1837
 für van & mo
In den Diskurs, den ich heute zu halten habe, und in die Diskurse, die ich vielleicht durch Jahre hindurch hier werde halten müssen, hätte ich mich gern verstohlen eingeschlichen. Anstatt das Wort zu ergreifen, wäre ich von ihm lieber umgarnt worden, um jedes Anfangens enthoben zu sein. Ich hätte gewünscht, während meines Sprechens eine Stimme ohne Namen zu vernehmen, die mir immer schon voraus war: ich wäre es dann zufrieden gewesen, an ihre Worte anzuschließen, sie fortzusetzen, mich in ihren Fugen unbemerkt einzunisten, gleichsam, als hätte sie mir ein Zeichen gegeben, indem sie für einen Augenblick aussetzte. Dann gäbe es kein Anfangen. Anstatt der Urheber des Diskurses zu sein, wäre ich im Zufall seines Ablaufs nur eine winzige Lücke und vielleicht sein Ende.
Ich hätte gewünscht, daß es hinter mir eine Stimme gäbe, die schon seit langem das Wort ergriffen hätte und im vorhinein alles, was ich sage, verdoppelte und daß diese Stimme so spräche: »Man muß weiterreden, ich kann nicht weitermachen, man muß weiterreden, man muß Wörter sagen, solange es welche gibt; man muß sie sagen, bis sie mich finden, bis sie mich sagen - befremdende Mühe, befremdendes Versagen; man muß weiterreden; vielleicht ist es schon getan, vielleicht haben sie mich schon gesagt, vielleicht haben sie mich schon an die Schwelle meiner Geschichte getragen, an das Tor, welches sich schon auf meine Geschichte öffnet (seine Öffnung würde mich erstaunen).«
Ich glaube, es gibt bei vielen ein ähnliches Verlangen, nicht anfangen zu müssen; ein ähnliches Begehren, sich von vornherein auf der anderen Seite des Diskurses zu befinden und nicht von außen ansehen zu müssen, was er Einzigartiges, Bedrohliches, ja vielleicht Verderbliches an sich hat. Auf diesen so verbreiteten Wunsch gibt die Institution eine ironische Antwort, indem sie die Anfänge feierlich gestaltet, indem sie sie mit ehrfürchtigem Schweigen umgibt und zu weithin sichtbaren Zeichen ritualisiert.
Das Begehren sagt: »Ich selbst möchte nicht in jene gefährliche Ordnung des Diskurses eintreten müssen; ich möchte nichts zu tun haben mit dem, was es Einschneidendes und Entscheidendes in ihm gibt; ich möchte, daß er um mich herum eine ruhige, tiefe und unendlich offene Transparenz bilde, in der die anderen meinem Erwarten antworten und aus der die Wahrheiten eine nach der anderen hervorgehen; ich möchte nur in ihm und von ihm wie ein glückliches Findelkind getragen werden.« Und die Institution antwortet: »Du brauchst vor dem Anfangen keine Angst zu haben; wir alle sind da, um dir zu zeigen, daß der Diskurs in der Ordnung der Gesetze steht; daß man seit jeher über seinem Auftreten wacht; daß ihm ein Platz bereitet ist, der ihn ehrt, aber entwaffnet; und daß seine Macht, falls er welche hat, von uns und nur von uns stammt.«
Aber vielleicht sind diese Institution und dieses Begehren nur zwei entgegengesetzte Antworten auf ein und dieselbe Unruhe: Unruhe angesichts dessen, was der Diskurs in seiner materiellen Wirklichkeit als gesprochenes oder geschriebenes Ding ist; Unruhe angesichts jener vergänglichen Existenz, die zweifellos dem Verschwinden geweiht ist, aber nach einer Zeitlichkeit, die nicht die unsere ist; Unruhe, die unter jener alltäglichen und unscheinbaren Tätigkeit nicht genau vorstellbarer Mächte und Gefahren zu verspüren ist; verdächtige Unruhe von Kämpfen, Siegen, Verletzungen, Überwältigungen und Knechtschaften in so vielen Wörtern, deren Rauheiten sich seit langem abgeschliffen haben.
Aber was ist denn so gefährlich an der Tatsache, daß die Leute sprechen und daß ihre Diskurse endlos weiterwuchern? Wo liegt die Gefahr?
|