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18.07.2004 12 15 lp #1809
Langweile, Oednis, Elend und Optimismus

Es ist ja nicht so, dass man erwachsen werden wollte. Man wird es frecherweise einfach, und zwar aus jenem Grund, vor welchem alle Menschen stets fluechten: Der Langeweile. Man langweilt sich nicht nur ob dem Jugendwahn, sondern auch ob sich selbst. So werden in Wahrheit Familien nicht etwa aus Liebe gegruendet, oder man geht nicht in die Politik, weil die eigenen Anliegen bzgl. Gesellschaft im weitesten Sinne im Vordergrund stehen wuerden, im Kern ist es die blosse Verzweiflung im Wissen um die Laenge des Daseins und der damit einhergehenden Oednis. Deshalb haben die Menschen lieber Probleme als keine, was dann positiv formuliert "Verantwortung uebernehmen" heisst.

Und so rennt man von diesem zu jenem, von Konzert zu Event, von Geselligkeit zur Einsamkeit, hin und her, bald dies kostend, bald um jenes kaempfend. In einem Brief an Lucilius schrieb Seneca: "Zwecklos ist dieses hin und her. Du fragst Dich, warum diese Flucht nichts helfe? Du selbst begleitest Dich auf Deiner Flucht."

"Die kosmische Urfassung der Langeweile - das Gaehnen des Weltalls", so meint Cioran, seien die Sonntag Nachmittage.

Das Gejammere ueber Ungerechtigkeit, Eltern, Staat und Umweltschmutz, nichts weiter als eine Flucht vor dem, was wahrhaftig grauenhaft ist.

Kierkegaard haelt die Langeweile gar fuer die Wurzel allen Uebels. Das wuerde nicht nur erklaeren, wieso die Kids sich mit Drogen vollpumpen und zu wohlstandsverwahrlosten Kleinkriminellen nach MTV Manier werden, sondern auch, wieso Dieter Bohlen die Welt mit einer Biographie begluecken musste.

Dieter Bohlen. Wie kommt es zu solchen kulturellen Fehlleistungen? Das Rationale kann es nicht erklaeren. So haben wir juengst an einem langweiligen, heissen Nachmittag sinniert, und ein Kollege kam zum Schluss: "Leute wie Dieter Bohlen wurden von Gott gesandt um uns fuer unsere Suenden zu strafen." Eine bestechend brillante Deutung jenes Phaenomens.

Zur Loesung des Problems der gaehnenden Langeweile hat Kierkegaard die "Wechselwirtschaft" vorgeschlagen; ist der Terminkalender gut gefuellt mit Nichtigkeiten, droht kein Daemon.

Es gibt natuerlich noch weitere Loesungen, Mitleid z.B. Wird man vom Weltschmerz heimgesucht, sind die Gedanken bald hier bald dort, vergisst man wiederum die eigene Misere, ist nun zwar nicht gluecklich, aber Glueck waere auch zuviel verlangt angesichts der gaehnenden Leere und Nichtigkeit des eigentlichen Daseins. So wird das Zeitungslesen zum emotionalen Abenteuer: Hier eine Vergewaltigung, dort eine spontane Selbstentzuendung, Flugzeugabsturz, Car Crash, bis man so hoffnungslos in die Welt blickt, dass einen wenigstens nicht mehr die Langeweile plagt. Kein intelligentes Wesen wuerde die Horrormeldungen einer Zeitung lesen, dieses staendige Beobachten von Dingen, denen wir nicht nur machtlos gegenueberstehen, weil wir weit entfernt von den Geschehnissen sind, sondern weil diese Geschehnisse zu allem Elend hinzu auch noch in der Vergangenheit liegen, man also erst recht nichts tun kann. Wieso wir es trotzdem tun, das weiss ich noch immer nicht.

Wieso sich wohl Haeftlinge in ihrer Zelle erhaengen moegen? Aus Reue und Verzweiflung ueber ihre Taten? Wohl eher aus Verzweiflung ueber jene gaehnende Langeweile, die sie im Kerker ueberkommt. Scheinbar ist es dermassen unertraeglich, dass mit Kugelschreiberminen (!!!) Heroin injiziert wird, wie man mir mal berichtete. Mit Kugelschreiberminen.

Pascals Grundgedanke: Der Mensch ohne Gott ist elend; glueckselig kann er nur mit Gott sein. Der vorherrschende Grundzug menschlichen Daseins ist Elend, Erbaermlichkeit, Nichtigkeit. Die Welt ist eitel, und die Lage des Menschen bestimmt durch Unbestaendigkeit, Ruhelosigkeit, Langeweile. Groesse hat der Mensch nur insofern als er sein Elend erkennt: "Die Groesse des Menschen zeigt sich darin gross, dass er sich als elend erkennt; ein Baum erkennt sich nicht als elend. Es bedeutet also, elend zu sein, wenn man sich als elend erkennt, aber es bedeutet gross zu sein, wenn man erkennt, dass man elend ist." Sorglos eilen wir nach Pascals Ueberzeugung dem Abgrund entgegen - "nachdem wir etwas vor uns aufgerichtet haben, um uns davon abzuhalten, ihn zu sehen". Aber das Ende ist unvermeidlich und unwiderruflich: "Der letzte Akt ist blutig, so schoen die Komoedie auch in allem uebrigen sein mag. Schliesslich wirft man uns Erde aufs Haupt, und das ist fuer immer."

Ein Philosoph, dessen Namen mir entfallen ist (war es Russell?) stellte fest: "Die Schule ist nicht zum Erwerb von Wissen da, sondern um Langeweile und Ungerechtigkeit ertragen zu lernen". Wenn danebst die Leute auch noch ein wenig was ueber Mathematik und Anverwandtes lernen, ist dies natuerlich in Ordnung, aber darum ginge es nicht wirklich, ihm gemaess. Schauen wir auf unser heutiges Schulsystem mit seinen Softiemethoden, wundert es keineswegs, dass sich schon 12 jaehrige zuballern und sich alle existentiellen Fragen um Schuhmarken drehen. Armeen von Eminems stehen in den Startloechern, die das Elend der Langeweile noch schlechter zu ertragen wissen als ihre Vorgenerationen. Unsereins war immerhin noch politisch motiviert, hat sich mit anarchistischen Theorien maltraetiert und um dies dann auszuhalten erst in Drogenexzesse gestuerzt. Heute beginnen sie gleich mit den Exzessen, frei nach der Devise eines mir bekannten Musikers: "Frueher, als wir noch "the doors" hoerten als waeren es Himmelsklaenge, meinten wir, man muesse nur genug Drogen nehmen um beruehmt zu werden!" Die Luftschloesser einer besseren Welt, fuer die man durchaus in Kauf genommen hat, kein Leben zu haben, sind anderen atmosphaerischen Phaenomenen gewichen: "Wir kiffen und saufen und wir wollen einen fetten Mercedes und 5 oder besser 12 Schlampen und einen Swimmingpool wie Master P. Yo, Streeeeeeeetcredibility." Da wuenscht man sich doch gleich die 80er Jahre Deprophilosophen wie Robert Smith von "the cure" zurueck, der an einem Konzert sinnigerweise meinte: "Ihr seid doch nichts als Dreck mit 6 oder 7 Loechern", daran konnte man wenigstens noch glauben. Nicht dass ich jetzt den Realismus hochhalten moechte, davon bin ich weit entfernt.

Jedenfalls ist es elend. Und weil es elend ist, und das ohnehin schon jeder weiss, der mehr Bewusstsein hat als ein Einzeller, ist, so leid es mir tut, der Optimismus nach Voltaire die legitime Moeglichkeit, nicht am Stumpfsinn und der Langeweile zu Grunde zu gehen. Da sich die Welt nicht aendern wird, und da ich erkennen musste, dass es durchaus Optimisten gibt, die um das Elend wissen und keine Gehirnamputation hinter sich haben, sondern einfach klug genug sind, in gewisse Dinge nicht reinzugehen, aus Ueberlebenswillen oder weiss der Geier welchen im Grunde genommen fadenscheinigen Motiven, weil es fuer den Kosmos von keiner Bedeutung ist, ob man sich in die Depression reinreitet oder gluecklicher Bankdirektor mit Frau und 12 Kindern wird und die Grundprobleme ohnehin bei allen Menschen dieselben sind, kann man genauso gut einen Weg des geringeren Widerstands waehlen.

Es gibt natuerlich andere Wege, wie dieser juengst verurteilte sog. Umweltradikale, der frohen Mutes die Strommaeste eines Elektrizitaetswerkes faellte und vor Gericht die anwesenden Richter und Anwaelte als eine korrumpierte Bande Feiglinge verhoehnte (etwa so). Und auch wenn er nicht unrecht hat, so wird wohl die Diagnose lauten, dass hier ein schwerer Fall von Narzissmus vorliegen wuerde mit Zwangsvorstellungen und weiss der Geier was. Anstatt dass die Justiz und die Herren Psychologen endlich genug Ehrlichkeit an den Tag legen wuerden und die wesentlichen Themen wie Stumpfsinn und Langeweile in ein System bringen wuerde zur Heilung von gesellschaftlichen Delinquenten, welche vorgeben, sie wollten die Menschheit von ihrer sicheren Selbstzerstoerung retten. Das ist doch einfach krank, diese Selbstueberschaetzung. Marcuse meinte noch bedauernd, dass die revolutionaeren Energien auf der Couch der Analytiker verpuffen. Heute wissen wir, dass das so sein muss, dass es indexierter Wahnsinn ist, gegen die Kultur anzugehen, und der einzige Heilsweg eben Psychoanalyse und Politik - diese buergerliche Zweifaltigkeit - sein kann. Und naemlich nicht Politik, wie sie z.B. im tuerkischen Parlament immer mal wieder gesehen werden kann, wo sich die Leute vor lauter Eifer und Abwesenheit jeglicher Selbstzweifel gegenseitig verpruegeln, sondern in der leerlaufenden Labbermanier, wie sie in der "Arena" zum Besten gegeben wird (wie weit ist es mit uns gekommen, dass wir solch seichte Gefaesse mit "Arena" bezeichnen, ach, lassen wir das).

In Oscar Wilde's "de profundis" schreibt dieser an Lord Alfred Douglas, dessen Bekanntschaft ihm 2 Jahre Gefaengnis eingebracht hat, weil dessen Vater Wilde wegen Soddomie angeklagt hatte, dass er, Alfred, seinen kuenstlerischen Geist beinahe vernichtet haette mit seinen ewig radikalen Gedanken und seiner unertraeglichen Eitelkeit und Unbekuemmertheit in Geldangelegenheiten. Wilde meinte, es gelte, einen Oxford Stil im Denken zu entwickeln, da sich nur aus diesem heraus wahre Kunst entwickeln koenne. So war Wilde schon wieder nahe bei manchen alten Griechen, welche Denken und Philosophie als Mittel zur Lebensgestaltung und -bewaeltigung angesehen haben; natuerlich ist dies Kunst in reinster Form, jenseits der sekundaeren Motive derselben, wie Ruhm und Glitter und andere Sinnestaeuschungen. Das Elend und die Langeweile sind ohnehin, es muss nicht immer wieder betont werden. Weder wird die SVP verschwinden, noch ist absehbar, dass das grottenschlechte Fernsehprogramm sich in absehbarer Zeit verbessern wird. Weder wird es weniger Selbstmoerder, Attentaeter, Vergewaltiger, miserable Komiker oder hochverwirrte Restrukturatoren geben, noch sind irgendwelche Hoffnungen auf die Subkultur zu setzen. Man ist sich selbst ausgeliefert, gaenzlich, und muss nun zurecht kommen in dieser geisttoetenden Welt tarantinolechzender Studenten und alleszutodeoptimierender Manager. Nichts wird das aendern. Welche Flucht man waehlt, ist einem selbst ueberlassen, man wird sich dabei ohnehin nicht los. Man ist unwiderruflich ein Individuum, getrennt vom Rambazamba, der es im Grunde nicht mal wert ist, ein Wort ueber ihn zu verschwenden; das Verschwenden von Worten ueber ihn endet doch in der erzreaktionaeren Haltung mancher Schwermetaller; wen wundert's, wenn sie den Teufel und das Bier anbeten. Was nicht alles getan wird um sich abzulenken.

Ganz furchterregend ist, wie wenig es in Wirklichkeit zu sagen gibt. Das allerehrlichste Bild ist jenes des Schweigers, der in karger Behausung seine Suppe loeffelt, dessen Blick beim Namen "Kant" unweigerlich die Tischkante sucht, der bei Wittgenstein an Sackhuepfen und Gebirge denkt und wenn von Andy Warhol die Rede ist, vielleicht meint: "man sollte nicht schlecht ueber seine Freunde reden".

Das Schlimmste waere der Verlust der Angst.

Darum sind wir froh.


Geschielt bei:

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