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06.01.2004 02 39 pet #1569
#17# Vorwort zur ersten Auflage
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Der zweite Band dieser Schrift wird den Zirkulationsprozeß des
Kapitals (Buch II) und die Gestaltungen des Gesamtprozesses (Buch
III), der abschließende dritte (Buch IV) die Geschichte der Theo-
rie behandeln.
Jedes Urteil wissenschaftlicher Kritik ist mir willkommen. Gegen-
über den Vorurteilen der sog. öffentlichen Meinung, der ich nie
Konzessionen gemacht habe, gilt mir nach wie vor der Wahlspruch
des großen Florentiners:
Segui il tuo corso, e lascia dir le genti [5]
London, 25. Juli 1867
Karl Marx
#18#
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Nachwort zur zweiten Auflage [6]
Den Lesern der ersten Ausgabe habe ich zunächst Ausweis zu geben
über die in der zweiten Ausgabe gemachten Veränderungen. Die
übersichtlichere Einteilung des Buchs springt ins Auge. Zusätzli-
che Noten sind überall als Noten zur zweiten Ausgabe bezeichnet.
Mit Bezug auf den Text selbst ist das Wichtigste:
Kapitel I, 1 ist die Ableitung des Werts durch Analyse der Glei-
chungen, worin sich jeder Tauschwert ausdrückt, wissenschaftlich
strenger durchgeführt, ebenso der in der ersten Ausgabe nur ange-
deutete Zusammenhang zwischen der Wertsubstanz und der Bestimmung
der Wertgröße durch gesellschaftlich-notwendige Arbeitszeit aus-
drücklich hervorgehoben. Kapitel I, 3 (Die Wertform) ist gänzlich
umgearbeitet, was schon die doppelte Darstellung der ersten Aus-
gabe gebot. - Im Vorbeigehn bemerke ich, daß jene doppelte Dar-
stellung durch meinen Freund, Dr. L. Kugelmann in Hannover, ver-
anlaßt ward. Ich befand mich bei ihm zum Besuch im Frühling 1867,
als die ersten Probebogen von Hamburg ankamen, und er überzeugte
mich, daß für die meisten Leser eine nachträgliche, mehr didakti-
sche Auseinandersetzung der Wertform nötig sei. - Der letzte Ab-
schnitt des ersten Kapitels, "Der Fetischcharakter der Ware
etc.", ist großenteils verändert. Kapitel III, 1 (Maß der Werte)
ist sorgfältig revidiert, weil dieser Abschnitt in der ersten
Ausgabe, mit Hinweis auf die "Zur Kritik der Polit. Oek.", Berlin
1859, bereits gegebne Auseinandersetzung, nachlässig behandelt
war. Kapitel VII, besonders Teil 2, ist bedeutend umgearbeitet.
Es wäre nutzlos, auf die stellenweisen Textänderungen, oft nur
stilistisch im einzelnen einzugehn. Sie erstrecken sich über das
ganze Buch. Dennoch finde ich jetzt bei Revision der zu Paris er-
scheinenden französischen Übersetzung, daß manche Teile des deut-
schen Originals hier mehr durchgreifende Umarbeitung, dort grö-
ßere stilistische Korrektur oder auch sorgfältigere Beseitigung
gelegentlicher Versehn erheischt hätten. Es fehlte
#19# Nachwort zur zweiten Auflage
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dazu die Zeit, indem ich erst im Herbst 1871, mitten unter andren
dringenden Arbeiten die Nachricht erhielt, daß das Buch vergrif-
fen sei, der Druck der zweiten Ausgabe aber bereits im Januar
1872 beginnen sollte.
Das Verständnis, welches "Das Kapital" rasch in weiten Kreisen
der deutschen Arbeiterklasse fand, ist der beste Lohn meiner Ar-
beit. Ein Mann, ökonomisch auf dem Bourgeoisstandpunkt, Herr
Mayer, Wiener Fabrikant, tat in einer während des deutsch-franzö-
sischen Kriegs veröffentlichten Broschüre treffend dar, daß der
große theoretische Sinn, der als deutsches Erbgut galt, den sog.
gebildeten Klassen Deutschlands durchaus abhanden gekommen ist,
dagegen in seiner Arbeiterklasse neu auflebt.
Die politische Ökonomie blieb in Deutschland bis zu dieser Stunde
eine ausländische Wissenschaft. Gustav von Gülich hat in
"Geschichtliche Darstellung des Handels, der Gewerbe usw.", na-
mentlich in den 1830 herausgegebnen zwei ersten Bänden seines
Werkes, großenteils schon die historischen Umstände erörtert,
welche die Entwicklung der kapitalistischen Produktionsweise bei
uns hemmten, daher auch den Aufbau der modernen bürgerlichen Ge-
sellschaft. Es fehlte also der lebendige Boden der politischen
Ökonomie. Sie ward als fertige Ware importiert aus England und
Frankreich; ihre deutschen Professoren blieben Schüler. Der theo-
retische Ausdruck einer fremden Wirklichkeit verwandelte sich un-
ter ihrer Hand in eine Dogmensammlung, von ihnen gedeutet im Sinn
der sie umgebenden kleinbürgerlichen Welt, also mißdeutet. Das
nicht ganz unterdrückbare Gefühl wissenschaftlicher Ohnmacht und
das unheimliche Gewissen, auf einem in der Tat fremdartigen Ge-
biet schulmeistern zu müssen, suchte man zu verstecken unter dem
Prunk literarhistorischer Gelehrsamkeit oder durch Beimischung
fremden Stoffes, entlehnt den sog. Kameralwissenschaften, einem
Mischmasch von Kenntnissen, deren Fegfeuer der hoffnungsvolle 1*)
Kandidat deutscher Bürokratie zu bestehn hat.
Seit 1848 hat sich die kapitalistische Produktion rasch in
Deutschland entwickelt und treibt heutzutage bereits ihre Schwin-
delblüte. Aber unsren Fachleuten blieb das Geschick gleich ab-
hold. Solange sie politische Ökonomie unbefangen treiben konnten,
fehlten die modernen ökonomischen Verhältnisse in der deutschen
Wirklichkeit. Sobald diese Verhältnisse ins Leben traten, geschah
es unter Umständen, welche ihr unbefangenes Studium innerhalb des
bürgerlichen Gesichtskreises nicht länger zulassen. Soweit sie
bürgerlich ist, d. h. die kapitalistische Ordnung statt als ge-
schichtlich vorübergehende Entwicklungsstufe, umgekehrt als abso-
lute und letzte
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1*) 3. und 4. Auflage: hoffnungslose
#20# Vorworte und Nachworte
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Gestalt der gesellschaftlichen Produktion auffaßt, kann die poli-
tische Ökonomie nur Wissenschaft bleiben, solange der Klassen-
kampf latent bleibt oder sich in nur vereinzelten Erscheinungen
offenbart.
Nehmen wir England. Seine klassische politische Ökonomie fällt in
die Periode des unentwickelten Klassenkampfs. Ihr letzter großer
Repräsentant, Ricardo, macht endlich bewußt den Gegensatz der
Klasseninteressen, des Arbeitslohns und des Profits, des Profits
und der Grundrente, zum Springpunkt seiner Forschungen, indem er
diesen Gegensatz naiv als gesellschaftliches Naturgesetz auffaßt.
Damit war eber auch die bürgerliche Wissenschaft der Ökonomie bei
ihrer unüberschreitbaren Schranke angelangt. Noch bei Lebzeiten
Ricardos und im Gegensatz zu ihm trat ihr in der Person Sismondis
die Kritik gegenüber. 1)
Die nachfolgende Zeit von 1820-1830 zeichnet sich in England aus
durch wissenschaftliche Lebendigkeit auf dem Gebiet der politi-
schen Ökonomie. Es war die Periode wie der Vulgarisierung und
Ausbreitung der Ricardoschen Theorie, so ihres Kampfes mit der
alten Schule. Es wurden glänzende Turniere gefeiert. Was damals
geleistet worden, ist dem europäischen Kontinent wenig bekannt,
da die Polemik großenteils in Revueartikeln, Gelegenheitsschrif-
ten und Pamphlets zerstreut ist. Der unbefangne Charakter dieser
Polemik - obgleich die Ricardosche Theorie ausnahmsweise auch
schon als Angriffswaffe wider die bürgerliche Wirtschaft dient -
erklärt sich aus den Zeitumständen. Einerseits trat die große In-
dustrie selbst nur aus ihrem Kindheitsalter heraus, wie schon da-
durch bewiesen ist, daß sie erst mit der Krise von 1825 den peri-
odischen Kreislauf ihres modernen Lebens eröffnet. Andrerseits
blieb der Klassenkampf zwischen Kapital wnd Arbeit in den Hinter-
grund gedrängt, politisch durch den Zwist zwischen den um die
Heilige Allianz gescharten Regierungen und Feudalen und der von
der Bourgeoisie ge{ührten Volksmasse, ökonomisch durch den Hader
des industriellen Kapitals mit dem aristokratischen Grundeigen-
tum, der sich in Frankreich hinter dem Gegensatz von Parzellenei-
gentum und großem Grundbesitz verbarg, in England seit den Korn-
gesetzen offen ausbrach. Die Literatur der politischen Ökonomie
in England erinnert während dieser Periode an die ökonomische
Sturm- und Drangperiode in Frankreich nach Dr. Quesnays Tod, aber
nur wie ein Altweibersommer an den Frühling erinnert. Mit dem
Jahr 1830 trat die ein für allemal entscheidende Krise ein.
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1) Siehe meine Schrift "Zur Kritik etc.", p.39. 1*)
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1*) Siehe Band 13 unserer Ausgabe, S.46
#21# Nachwort zur zweiten Auflage
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Die Bourgeoisie hatte in Frankreich und England politische Macht
erobert. Von da an gewann der Klassenkampf, praktisch und theore-
tisch, mehr und mehr ausgesprochne und drohende Formen. Er läu-
tete die Totenglocke der wissenschaftlichen bürgerlichen Ökono-
mie. Es handelte sich jetzt nicht mehr darum, ob dies oder jenes
Theorem wahr sei, sondern ob es dem Kapital nützlich oder schäd-
lich, bequem oder unbequem, ob polizeiwidrig oder nicht. An die
Stelle uneigennütziger Forschung trat bezahlte Klopffechterei, an
die Stelle unbefangner wissenschaftliche Untersuchung das böse
Cewissen und die schlechte Absicht der Apologetik.
Indes selbst die zudringlichen Traktätchen, welche die Anti-Corn-
Law League [7], mit den Fabrikanten Cobden und Bright an der
Spitze, in die Welt schleuderte, boten, wenn kein wissenschaftli-
ches, doch ein historisches Interesse durch ihre Polemik gegen
die grundeigentümliche Aristokratie. Auch diesen letzten Stachel
zog die Freihandelsgesetzgebung seit Sir Robert Peel der Vulgär-
ökonomie aus.
Die kontinentale Revolution von 1848 schlug auch auf England zu-
rück. Männer, die noch wissenschaftliche Bedeutung beanspruchten
und mehr sein wollten als bloße Sophisten und Sykophanten der
herrschenden Klassen, suchten die politische Ökonomie des Kapi-
tals in Einklang zu setzen mit den jetzt nicht länger zu ignorie-
renden Ansprüchen des Proletariats. Daher ein geistloser Synkre-
tismus, wie ihn John Stuart Mill am besten repräsentiert. Es ist
eine Bankrotterklärung der "bürgerlichen" Ökonomie, welche der
große russische Gelehrte und Kritiker N. Tschernyschewski in sei-
nem Werk "Umrisse der politischen Ökonomie nach Mill" bereits
meisterhaft beleuchtet hat.
In Deutschland kam also die kapitalistische Produktionsweise zur
Reife, nachdem ihr antagonistischer Charakter sich in Frankreich
und England schon durch geschichtliche Kämpfe geräuschvoll offen-
bart hatte, während das deutsche Proletariat bereits ein viel
entschiedneres theoretisches Klassenbewußtsein besaß als die
deutsche Bourgeoisie. Sobald eine bürgerliche Wissenschaft der
politischen Ökonomie hier möglich zu werden schien, war sie daher
wieder unmöglich geworden.
Unter diesen Umständen teilten sich ihre Wortführer in zwei Rei-
hen. Die einen, kluge, erwerbslustige, praktische Leute, scharten
sich um die Fahne Bastiats, des flachsten und daher gelungensten
Vertreters vulgärökonomischer Apologetik; die andren, stolz auf
die Professoralwürde ihrer Wissenschaft, folgten J. St. Mill in
dem Versuch, Unversöhnbares zu versöhnen. Wie zur klassischen
Zeit der bürgerlichen Ökonomie blieben die Deutschen auch zur
Zeit ihres Verfalls bloße Schüler, Nachbeter und Nachtreter,
Kleinhausierer des ausländischen Großgeschäfts.
#22# Vorworte und Nachworte
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Die eigentümliche historische Entwicklung der deutschen Gesell-
schaft schloß hier also jede originelle Fortbildung der
"bürgerlichen" Ökonomie aus, aber nicht deren - Kritik. Soweit
solche Kritik überhaupt eine Klasse vertritt, kann sie nur die
Klasse vertreten, deren geschichtlicher Beruf die Umwälzung der
kapitalistischen Produktionsweise und die schließliche Abschaf-
fung der Klassen ist - das Proletariat.
Die gelehrten und ungelehrten Wortführer der deutschen Bour-
geoisie haben "Das Kapital" zunächst totzuschweigen versucht, wie
ihnen das mit meinen frühern Schriften gelungen war. Sobald diese
Taktik nicht länger den Zeitverhältnissen entsprach, schrieben
sie, unter dem Vorwand mein Buch zu kritisieren, Anweise "Zur Be-
ruhigung des bürgerlichen Bewußtseins", fanden aber in der Arbei-
terpresse - sieh z. B. Joseph Dietzgens Aufsätze im "Volksstaat"
[8] - überlegene Kämpen, denen sie die Antwort bis heute schul-
dig. 1)
Eine treffliche russische Übersetzung des "Kapitals" erschien im
Frühling 1872 zu Petersburg. Die Auflage von 3000 Exemplaren ist
jetzt schon beinahe vergriffen. Bereits 1871 hatte Herr N. Sieber
(??????), Professor der politischen Ökonomie an der Universität
zu Kiew, in seiner Schrift: "?????? ???????? ? ????????
?.???????" ("D. Ricardos Theorie des Werts und des Kapitals
etc.") meine Theorie des Werts, des Geldes und des Kapitals in
ihren Grundzügen als notwendige Fortbildung der Smith-Ri-
cardoschen Lehre nachgewiesen. Was den Westeuropäer beim Lesen
seines gediegnen Buchs überrascht, ist das konsequente Festhalten
des rein theoretischen Standpunkts.
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1) Die breimäuligen Faselhänse der deutschen Vulgärökonomie
schelten Stil und Darstellung meiner Schrift. Niemnd kann die li-
terarischen Mängel des "Kapital" strenger beurteilen als ich
selbst. Dennoch will ich, zu Nutz und Freud dieser Herren und
ihres Publikums, hier ein englisches und ein russisches Urteil
zitieren. Die meinen Ansichten durchaus feindliche "Saturday Re-
view" sagte in ihrer Anzeige der ersten deutschen Ausgabe: Die
Darstellung verleiht auch den trockensten ökonomischen
Fragen einen eignen Reiz (charm)". Die "?.-?.?????????" (St.-Pe-
tersburger Zeitung) bemerkt in ihrer Nummer vom 20. April 1871
u.a.: "Die Darstellung mit Ausnahme weniger zu spezieller Teile
zeichnet sich aus durch Allgemeinverständlichkeit, Klarheit und,
trotz der wissenschaftlichen Höhe des Gegenstands, ungewöhnliche
Lebendigkeit. In dieser Hinsicht gleicht der Verfasser... auch
nicht von fern der Mehrzahl deutscher Gelehrten, die... ihre Bü-
cher in so verfinsterter und trockner Sprache schreiben, daß ge-
wöhnlichen Sterblichen der Kopf davon kracht." Den Lesern der
zeitläufigen deutsch-national-liberalen Professoralliteratur
kracht jedoch etwas ganz andres als der Kopf.
#25# Nachwort zur zweiten Auflage
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Die im "Kapital" angewandte Methode ist wenig verstanden worden,
wie schon die einander widersprechenden Auffassungen desselben
beweisen.
So wirft mir die Pariser "Revue Positiviste" [9] vor, einerseits,
ich behandle die Ökonomie metaphysisch, andrerseits - man rate!
-, ich beschränke mich auf bloß kritische Zergliederung des Ge-
gebnen, statt Rezepte (comtistische?) für die Garküche der Zu-
kunft zu verschreiben. Gegen den Vorwurf der Metaphysik bemerkt
Prof. Sieber:
"Soweit es sich um die eigentliche Theorie handelt, ist die Me-
thode von Marx die deduktive Methode der ganzen englischen
Schule, deren Mängel und Vorzüge den besten theoretischen Ökono-
misten gemein sind." [10]
Herr M.Block - "Les Théoriciens du Socialisme en Allemagne. Ex-
trait du Journal des Économistes, juillet et aout 1872" - ent-
deckt, daß meine Methode analytisch ist, und sagt u.a.:
"Par cet ouvrage M. Marx se classe parmi les esprits analytiques
les plus éminents." 1*)
Die deutschen Rezensenten schreien natürlich über Hegelsche So-
phistik. Der Petersburger "???????? ??????" (Europäischer Bote),
in einem Artikel, der ausschließlich die Methode des "Kapital"
behandelt (Mainummer 1872, p.427-436), findet meine Forschungsme-
thode streng realistisch, die Darstellungsmethode aber unglückli-
cherweise deutsch-dialektisch. Er sagt:
"Auf den ersten Blick, wenn man nach der äußern Form der Darstel-
lung urteilt, ist Marx der größte Idealphilosoph, und zwar im
deutschen, d.h. schlechten Sinn des Wortes. In der Tat aber ist
er unendlich mehr Realist als alle seine Vorgänger im Geschäft
der ökonomischen Kritik... Man kann ihn in keiner Weise einen
Idealisten nennen."
Ich kann dem Herrn Verfasser 2*) nicht besser antworten als durch
einige Auszüge aus seiner eignen Kritik, die zudem manchen meiner
Leser, dem das russische Original unzugänglich ist, interessieren
mögen. Nach einem Zitat aus meiner Vorrede zur "Kritik der Pol.
Oek.", Berlin 1859, p.IV-VII 3*), wo ich die materialistische
Grundlage meiner Methode erörtert habe, fährt der Herr Verfasser
fort:
"Für Marx ist nur eins wichtig: das Gesetz der Phänomene zu fin-
den, mit deren Untersuchung er sich beschäftigt. Und ihm ist
nicht nur das Gesetz wichtig, das sie beherrscht, soweit sie eine
fertige Form haben und in einem Zusammenhang stehn, wie er in ei-
ner gegebnen Zeitperiode beobachtet wird. Für ihn ist noch vor
allem wichtig
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1*) "Durch dieses Werk reiht sich Herr Marx unter die bedeutend-
sten analytischen Denker ein." - 2*) I. I. Kaufman - 3*) siehe
Band 13 unserer Ausgabe, S. 8-10
#26# Vorworte und Nechworte
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das Gesetz ihrer Veränderung, ihrer Entwicklung, d.h. der Über-
gang aus einer Form in die andre, aus einer Ordnung des Zusammen-
hangs in eine andre. Sobald er einmal dies Gesetz entdeckt hat,
untersucht er im Detail die Folgen worin es sich im gesellschaft-
lichen Leben kundgibt... Demzufolge bemüht sich Marx nur um eins:
durch genaue wissenschaftliche Untersuchung die Notwendigkeit be-
stimmter Ordnungen der gesellschaftlichen Verhältnisse nachzuwei-
sen und soviel als möglich untadelhaft die Tatsachen zu konsta-
tieren, die ihm zu Ausgangs- und Stützpunkten dienen. Hierzu ist
vollständig hinreichend, wenn er mit der Notwendigkeit der gegen-
wärtigen Ordnung zugleich die Notwendigkeit einer andren Ordnung
nachweist, worin die erste unvermeidlich übergehn muß, ganz
gleichgültig, ob die Menschen das glauben oder nicht glauben, ob
sie sich dessen bewußt oder nicht bewußt sind. Marx betrachtet
die gesellscheftliche Bewegung als einen naturgeschichtlichen
Prozeß, den Gesetze lenken, die nicht nur von dem Willen, dem Be-
wußtsein und der Absicht der Menschen unabhängig sind, sondern
vielmehr umgekehrt deren Wollen, Bewußtsein und Absichten bestim-
men... Wenn des bewußte Element in der Kulturgeschichte eine so
untergeordnete Rolle spielt, dann versteht es sich von selbst,
daß die Kritik, deren Gegenstand die Kultur selbst ist, weniger
als irgend etwas andres, irgendeine Form oder irgendein Resultat
es Bewußtseins zur Grundlage haben kann. Das heißt, nicht die
Idee, sondern nur die äußere Erscheinung kann ihr als Ausgangs-
punkt dienen. Die Kritik wird sich beschränken auf die Verglei-
chung und Konfrontierung einer Tatsache, nicht mit der Idee, son-
dern mit der andren Tatsache. Für sie ist es nur wichtig, daß
beide Tetsachen möglichst genau untersucht werden und wirklich
die eine gegenüber der endren verschiedne Entwicklungsmomente
bilden, vor allem aber wichtig, daß nicht minder genau die Serie
der Ordnungen erforscht wird, die Aufeinanderfolge und Verbin-
dung, worin die Entwicklungsstufen erscheinen. Aber, wird man sa-
gen, die allgemeinen Gesetze des ökonomischen Lebens sind ein und
dieselben; ganz gleichgültig, ob man sie auf Gegenwart oder Ver-
ganeenheit anwendet. Grade das leugnet Marx. Nach ihm existieren
solche abstrakte Gesetze nicht... Nach seiner Meinung besitzt im
Gegenteil jede historische Periode ihre eienen Gesetze... Sobald
das Leben eine gegebene Entwicklungsperiode überlebt hat, aus ei-
nem gegebnen Stadium in ein andres übertritt, beginnt es auch
durch andre Gesetze gelenkt zu werden. Mit einem Wort, das ökono-
mische Leben bietet uns eine der Entwicklungsgeschichte auf and-
ren Gebieten der Biologie analoge Erscheinung... Die alten Ökono-
men verkannten die Natur ökonomischer Gesetze, als sie dieselben
mit den Gesetzen der Physik und Chemie verglichen... Eine tiefere
Analyse der Erscheinungen bewies, daß soziale Organismen sich
voneinander ebenso gründlich unterscheiden als Pflanzen- und
Tierorganismen... Ja, eine und dieselbe Erscheinung unterliegt
ganz und gar verschiednen Gesetzen infolge des verschiednen Ge-
samtbaus jener Organismen, der Abweichung ihrer einzelnen Organe,
des Unterschieds der Bedineungen, worin sie funktionieren usw.
Marx leugnet z.B., daß das Bevölkerungsgesetz dasselbe ist zu al-
len Zeiten und an allen Orten. Er versichert im Gegenteil, daß
jede Entwicklungsstufe ihr eignes Bevölkerungsgesetz hat... Mit
der verschiednen Entwicklung der Produktivkraft ändern sich die
Verhältnisse und die sie regelnden Gesetze. Indem sich Marx das
Ziel stellt, von diesem Gesichtspunkt
#27# Nachwort zur zweiten Auflage
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aus die kapitalistische Wirtschaftsordnung zu erforschen und zu
erklären, formuliert er nur streng wissenschaftlich das Ziel,
welches jede genaue Untersuchung des ökonomischen Lebens habe
muß... Der wissenschaftliche Wert solcher Forschung liegt in der
Aufklärung der besondren Gesetze, welche Entstehung, Existenz,
Entwicklung, Tod eines gegebenen gesellschaftlichen Organismus
und seinen Ersatz durch einen andren, höheren regeln. Und diesen
Wert hat in der Tat das Buch von Marx."
Indem der Herr Verfasser das, was er meine wirkliche Methode
nennt, so treffend und, soweit meine persönliche Anwendung der-
selben in Betracht kommt, so wohlwollend schildert, was andres
hat er geschildert als diedialektische Methode?
Allerdings muß sich die Darstellungsweise formell von der For-
schungsweise unterscheiden. Die Forschung hat den Stoff sich im
Detail anzueignen, seine verschiednen Entwicklungsformen zu ana-
lysieren und deren innres Band aufzuspüren. Erst nachdem diese
Arbeit vollbracht, kann die wirkliche Bewegung entsprechend dar-
gestellt werden. Gelingt dies und spiegelt sich nun das Leben des
Stoffs ideell wider, so mag es aussehn, als habe man es mit einer
Konstruktion a priori zu tun.
Meine dialektische Methode ist der Grundlage nach von der Hegel-
schen nicht nur verschieden, sondern ihr direktes Gegenteil. Für
Hegel ist der Denkprozeß, den er sogar unter dem Namen Idee in
ein selbständiges Subjekt verwandelt, der Demiurg des Wirklichen,
das nur seine äußere Erscheinung bildet. Bei mir ist umgekehrt
das Ideelle nichts andres als das im Menschenkopf umgesetzte und
übersetzte Materielle.
Die mystifizierende Seite der Hegelschen Dialektik habe ich vor
beinah 30 Jahren, zu einer Zeit kritisiert, wo sie noch Tagesmode
war. Aber grade als ich den ersten Band des "Kapital" ausarbei-
tete, gefiel sich das verdrießliche, anmaßliche und mittelmäßige
Epigonentum [11], welches jetzt im gebildeten Deutschland das
große Wort führt, darin, Hegel zu behandeln, wie der brave Moses
Mendelssohn zu Lessings Zeit den Spinoza behandelt hat, nämlich
als "toten Hund". Ich bekannte mich daher offen als Schüler jenes
großen Denkers und kokettierte sogar hier und da im Kapitel über
die Werttheorie mit der ihm eigentümlichen Ausdrucksweise.
Die Mystifikation, welche die Dialektik in Hegels Händen erlei-
det, verhindert in keiner Weise, daß er ihre allgemeinen Bewe-
gungsformen zuerst in umfassender und bewußter Weise dargestellt
hat. Sie steht bei ihm auf dem Kopf. Man muß sie umstülpen, um
den rationellen Kern in der mystischen Hülle zu entdecken.
In ihrer mystifizierten Form ward die Dialektik deutsche Mode,
weil sie das Bestehende zu verklären schien. In ihrer rationellen
Gestalt ist sie
#28# Vorworte und Nachworte
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dem Bürgertum und seinen doktrinären Wortführern ein Ärgernis und
ein Greuel, weil sie in dem positiven Verständnis des Bestehenden
zugleich auch das Verständnis seiner Negation, seines nntwendigen
Untergangs einschließt, jede gewordne Form im Flusse der Bewe-
gung, also auch nach ihrer vergänglichen Seite auffaßt, sich
durch nichts imponieren läßt, ihrem Wesen nach kritisch und evo-
lutionär ist.
Die widerspruchsvolle Bewegung der kapitalistischen Gesellschaft
macht sich dem praktischen Bourgeois am schlagendsten fühlbar in
den Wechselfällen des periodischen Zyklus, den die moderne Indu-
strie durchläuft, und deren Gipfelpunkt - die allgemeine Krise.
Sie ist wieder im Anmarsch, obgleich noch begriffen in den Vor-
stadien, und wird durch die Allseitigkeit ihres Schauplatzes, wie
die Intensität ihrer Wirkung, selbst den Glückspilzen des neuen
heiligen, preußisch-deutschen Reichs Dialektik
einpauken.
London, 24. Januar 1873 Karl Marx
#31#
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Vor- und Nachwort zur französischen Ausgabe
London, 18. März 1872
An den Bürger Maurice La Châtre
Werter Bürger!
Ich begrüße Ihre Idee, die Übersetzung des "Kapitals" in periodi-
schen Lieferungen herauszubringen. In dieser Form wird das Werk
der Arbeiterklasse leichter zugänglich sein, und diese Erwägung
ist für mich wichtiger als alle anderen.
Das ist die Vorderseite Ihrer Medaille, aber hier ist auch die
Kehrseite: Die Untersuchungsmethode, deren ich mich bedient habe
und die auf ökonomische Probleme noch nicht angewandt wurde,
macht die Lektüre der ersten Kapitel ziemlich schwierig, und es
ist zu befürchten, daß das französische Publikum, stets ungedul-
dig nach dem Ergebnis und begierig den Zusammenhang zwischen den
allgemeinen Grundsätzen und den Fragen zu erkennen, die es unmit-
telbar bewegen, sich abschrecken läßt, weil es nicht sofort wei-
ter vordringen kann.
Das ist ein Nachteil, gegen den ich nichts weiter unternehmen
kann, als die nach Wahrheit strebenden Leser von vornherein dar-
auf hinzuweisen und gefaßt zu machen. Es gibt keine Landstraße
für die Wissenschaft, und nur diejenigen haben Aussicht, ihre
lichten Höhen zu erreichen, die die Mühe nicht scheuen, ihre
steilen Pfade zu erklimmen.
Karl Marx
An den Leser
Herr J. Roy hat es unternommen, eine so genaue und selbst wörtli-
che Übersetzung wie möglich zu geben; er hat seine Aufgabe pein-
lich genau erfüllt. Aber gerade seine peinliche Genauigkeit hat
mich gezwungen, die
#32# Vorworte und Nachworte
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Fassung zu ändern, um sie dem Leser zugänglicher zu machen. Diese
Änderungen, die von Tag zu Tag gemacht wurden, da das Buch in
Lieferungen erschien, sind mit ungleicher Sorgfalt ausgeführt
worden und mußten Stilungleichheiten hervorrufen.
Nachdem ich mich dieser Revisionsarbeit einmal unterzogen hatte,
bin ich dazu gekommen, sie auch auf den zugrunde gelegten Origi-
naltext anzuwenden (die zweite deutsche Ausgabe), einige Erörte-
rungen zu vereinfachen, andre zu vervollständigen, ergänzendes
historisches oder statistisches Material zu geben, kritische Be-
merkungen hinzuzufügen etc. Welches auch die literarischen Mängel
dieser französischen Ausgabe sein mögen, sie besitzt einen wis-
senschaftlichen Wert unabhängig vom Original und sollte selbst
von Lesern herangezogen werden, die der deutschen Sprache mächtig
sind.
Ich gebe weiter unten die Stellen des Nachworts zur zweiten deut-
schen Ausgabe, die sich mit der Entwicklung der politischen Öko-
nomie in Deutschland und der in diesem Werk angewandten Methode
befassen. 1*)
London, 28. April 1875
Karl Marx
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1*) Siehe vorl. Band, S.19-28
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andere
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