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20.01.2002 12 10 juc #147

Barmaid?
19.01.2002 23 45 nik #146
Youdi, mit blassem Gesichtsausdruck und einem halben Pfund Hackfleisch in der Tragetasche, war auf dem Weg zu seiner Mutter, die, nachdem ihr Mann, Youdis Vater, auf tragische und unerklärliche Weise gestorben war, in weniger als einer Woche gänzlich ergraute und, da ihr Hang zum alten Testament derart ausgeprägt war, dass sie bei Herrn Gaber, einem nickelbebrillten Theologen mit Vorliebe für mittelalterliche Altarbilder aus dem Friaul einen Intensivkurs in der Sprache Jesu genommen hatte, mit ihrem Sohn, Youdi, in einem Gemisch aus ihrer Muttersprache und Aramäisch sprach und ihm dabei tassenweise viel zu bitteren Schwarztee einschenkte und obendrein den Tee gegen seinen Willen nachsüsste, wobei sie Youdi abwechselnd für dessen Vater oder aber dessen Bruder hielt.
Weil das Hackfleisch, welches er am vorigen Tag in der Metzgerei unten an der Strasse gekauft hatte und über Nacht ins Gefrierfach gelegt hatte, noch immer halb gefroren war, knetete er es, da keine Aussicht bestand, dass in den nächsten fünf Minuten ein Bus ankam, mit seiner linken Hand, einerseits, weil ihm das Gefühl des matschig-kalten Fleisches gefiel und andererseits, weil er sich ausrechnete, dass der Vorgang des Knetens den des Auftauens beschleunigte, was wiederum den Besuch bei seiner Mutter verkürzte.
Mitten im Kneten radelte eine Gestalt mit flatterndem Haar und strampelnden Beinen in die Richtung der Busstation und somit in diejenige Youdis, welcher, als er der Situation gewahr wurde, selbstverständlich das missverständliche Kneten unterliess und angestrengt war, einen neutralen Gesichtsausdruck aufzusetzen, während die Bekannte vom Fahrrad stieg und sich ihm mit entschlossenen Schritten näherte und nach wenigen Sätzen den Wortwechsel in ein Gespräch verwandelte, welches in die Frage der Bekannten gipfelte, ob er, Youdi, nicht vielleicht wieder einmal die Stadt verlassen wolle und, ob sie dies nicht gemeinsam tun wollten. Auf Youdis Frage, zu welchem Zeitpunkt sie den zu verreisen gedenke, antwortete die Bekannte mit einem für Youdi nicht weiter erstaunlichen ?Sofort!?.
19.01.2002 19 06 plu #145
19.01.2002 18 24 pet #144
Das Haus
Der Nachbar
Ein Morgen um Sieben. Salsa aus dem Badezimmer im Gang gegenüber der Nachbarswohnung. Durchlässige Wände. Die CD ist defekt. Wiederholung im Sekundentakt. Wassergeräusche.
Zwei Jahre sind es her, als wir uns zum ersten Mal begegnet sind. Ich war frisch eingezogen, in die oberste Etage des mittelgrossen Wohnhauses. Ich sass an einem Tisch in der öffentlich zugänglichen Liegenschaft vis à vis. Ich unterhielt mich mit jemandem. Er hatte einen riesigen Sombrero aufgesetzt und eine hellblaue, rotbestickte Tracht übergeworfen. Er zog die Blicke der Anwesenden auf sich und erwiderte mit einem schrägen Zurückschielen unter der Krempe seines Hutes hervor.
Bauleute auf der Strasse vor dem Haus beginnen mit ihrer Arbeit. Presslufthammer reissen die Strasse auf. Bagger verschieben Erde. Ein grosses Geheul und Gefluche hebt an. Am liebsten Heulen wie ein Wolf. Dann das Wort Motherfucker auf Italienisch, Spanisch und Englisch. Ich schaute bisher nie zum Fenster raus, als mein Nachbar am Morgen nebenan tobte. Er tut dies zum Fenster raus. Die Arbeiter unten auf der Strasse spielen mit. Sie zeigen den Finger oder bleiben einfach stehen und schauen. Schütteln den Kopf. Seine Wohnungstüre donnert regelmässig zu und das Fluchen schwillt an. Ich öffne meine Tür zum Gang. Er hat einen Schraubenzieher in der Hand. Versucht damit die Fotokopie eines senilen Befreiungskämpfers an seine Wohnungstüre zu heften. Er weist mich in korrektem Beamtendeutsch an, meine Beschwerde beim Vermieter zu deponieren und ihn weiter nicht zu belästigen. Druckreif. Der fuchtelnde Schraubenzieher spricht. Ich schaue ihm in die Augen. Sie flackern. Rückzug. Lege eine Rage-Against-The-Machine-CD ein. Lasse sie krachen. Zehn Minuten später: Auf der Strasse lärmt es weiter. Das Fluchen ist verebbt. Der Nachbar, ein Maschinengeschädigter im weiteren Sinn, ist verschwunden.
Er hat mir mal erzählt, es wäre ein Stromschlag gewesen.
Vor etwa einem Jahr läutete er morgens um zwei betrunken und bekifft an meiner Türe. In einer Hand hielt er eine Eineinhalbliterflasche halbgefüllt mit Eistee und im Flaschenhals ein Küchentuch stecken. In der anderen ein brennendes Feuerzeug. "I wan't to stick it in your ass and light" zischte er.
Er hatte mir auch mal erzählt, er hätte alles von Freud gelesen.
Im Uebrigen kann er ganz charmant sein. Er hat reizende Perücken, fast keine Zähne mehr im Mund und hat mir auch schon mal zur Entschädigung ganz anständiges Gras geschenkt. Er ist ein Schlitzohr.
19.01.2002 15 18 lb #143
02.30: Streit um drei (W)
Sie plädieren also auf Klagabweisung? Klar, hab immerhin einiges gelernt heute Abend. Weiss zum Beispiel jetzt, welche Handcrèmes man nicht kaufen soll und dass der Glöckner von Lausanne eigentlich Comiczeichner ist. Dass GC in Südafrika und der FCZ in Mexiko trainiert. Dass Beni versucht hat, so zu schreiben, wie er auch spricht. Ausserdem muss man die Simpsons einfach gesehen haben, und mal schnell bei MTV reinzappen ist ja wohl auch kein Verbrechen. Ok, Emergency Room hätte vielleicht nicht unbedingt sein müssen... aber verdammt, was rechtfertige ich mich hier überhaupt, man darf sich doch auch mal entspannen. Den letzten Satz bitte nicht ins Protokoll aufnehmen. Mein Herr, nehmen sie sich ein wenig zusammen. Ausserdem hab ich den Krimi unsynchronisiert auf Zweitkanal geschaut, so meine Englischkenntnisse verbessert. Sie wissen, dass Falschaussagen strafbar sind. Immerhin die ersten 5 Minuten. Der Fall war aber auch verflixt kompliziert. Das reicht. Die Beweisaufnahme ist hiermit abgeschlossen. Das Gericht ruft sie dann zur Urteilsverkündung wieder in den Saal. Ojemine, das sieht schlecht aus. Da kann ich gleich schon jetzt die Zähne putzen und den Wecker stellen. Die Klage wird gutgeheissen. Der Fernseher muss per sofort ausgeschaltet werden, die Kosten gehen vollumfänglich zu Lasten des Verurteilten. Na dann, gute Nacht.
19.01.2002 11 28 ai #142
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