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06.01.2003 12 15 nik #862
Nachtrag zur Lula Bar: hysterisch-launige-super-zicke

06.01.2003 11 56 pet #859
Wald_herbst_hell.jpg

06.01.2003 11 35 lb #852
Ach, wie hab ich mich gefreut! Endlich sollte ich es bekommen. Wie wird es aussehen? Wie schnell wird es sein? Monatelang hab ich mich gefreut darauf, bin mit dem Zug und einem Freund ins Nachbardorf gefahren, hab den Franz-Karl-Weber aufgesucht und dort den hunderte Seiten starken Graupner-Modellbau-Katalog verlangt. Er wurde zu meiner Bibel. In jeder freien Minute blätterte ich ihn durch, schweifte in Tagträume ab und konnte so dem (Schul-) Alltag entkommen. Und nun lag es vor mir. Inständigst hab ich mir eines gewünscht, nun musste ich es nur noch auspacken. Das Packet war riesig. So, pack dein ferngesteuertes Auto aus, sagte meine Mutter, lachend. Heiss schoss es mir in den Kopf. Sollte der Traum wahr werden? Ich stürzte mich auf das Packet, riss das Paper weg. Tränen schossen mir in die Augen als ich sah, dass es eine elektrische Eisenbahn war. Nur knapp konnte ich Fassung wahren und nur mit letzter Kraft ein wenig Freude vorspielen. Meine Eltern befanden wohl, eine Eisenbahn wäre pädagogisch wertvoller.

PS: Ich wollte nie ein ferngesteuertes Auto.

06.01.2003 08 28 pet #843
Die Arbeit
Die Freiheit

Es war schwül, heftiger Regen prasselte auf das Dachfenster über meinem Pult, vor zwei Stunden noch schien die Sonne. Vier Uhr am Nachmittag war es, als ich gerufen wurde. Dunkle Gewitterwolken hingen über der Stadt. Ich unterhielt mich mit Bianca* über die menschlichen Unzulänglichkeiten an der Uni. Nein, es war eher kein Gespräch, es waren zwei Monologe, die um ein Thema kreisten, das für beide ausgeleiert schien.

Alfonso, der Militärdienstverweigerer aus dem Lande Salazars, der in der Schweiz um Asyl nachgesucht hatte, abgewiesen und untergetaucht war und sich jetzt - so schien es - für das mittelalterliche Rittertum interessierte, sass wie immer unter der anderen Dachschräge und sortierte Akten. Seit zwölf Jahre würde er da arbeiten, erfuhr ich einmal. Er malt, kann aber davon nicht leben. Ein Bild von ihm, das an der Wand bei meinem Arbeitsplatz hing, zeigte ein Gesicht, und daneben Würfel und Kegel, die sich im Bildhorizont verlieren.

Am zweiten Arbeitstag hatte ich ihm unabsichtlich einen Kugelschreiber ins Gesicht geworfen. Er fragte danach und ich dachte mir, er würde ihn auffangen. Die Distanz zwischen uns war vielleicht zu kurz für eine solche Uebergabe und seine Reaktion zu langsam. Das Schreibgerät traf ihn an seinem Brillengestell und er zuckte kurz, ein bisschen verblüfft. Es war ein Affekt, den ich mir nicht hätte erlauben dürfen. Einige Stunden vorher fragte ich, wo denn meine Kugelschreiber seien. Worauf er mit einem leicht hämischen Grinsen sagte, ich hätte sie eben verlegt.

Nun, an jenem Tag, im von Neonröhren beleuchteten Dachstockbüro, an diesem Tag war Alfonso ganz munter. Er erzählte von den alten Zeiten, als er noch ein wilder 68er war, für mehr Freiheit kämpfte und... Er zog enttäuscht über die heutige Jugend her. Versuchte mich zu provozieren. Ich sei ein Konformist. Er mutmasste, ich sei sicher noch nie an einer politischen Demo gewesen. Ich meinerseits wollte über Filme reden, die er vielleicht auch gesehen hätte. Einmal sprach ich ihn auf den kubanischen Film "Memorias del subdesarrollo" von Tomás Gutiérrez Alea an. Im Jahr 1968 gedreht. Er hatte ihn damals auch gesehen, zeigte aber kein Interesse, darüber zu plaudern.

Dilawaz, eine der neun Menschen im Büro war in den Ferien. Sie hatte mich bei einigen Arbeitsvorgängen instruiert. Ich erinnere mich noch an den ersten Arbeitstag, als sie so vor sich hin fragte, wer den Längeren hätte, Figo oder Ronaldo. Ich antwortete und das Thema konnte für den Rest unserer kurzen Zusammenarbeit keine Spannung mehr erzeugen.

Dann wurde ich gerufen.

Die junge Chefin hatte ein hübsches Gesicht, manchmal war sie geschminkt. Sie war mir auch am letzten Arbeitstag nicht vertraut. Sie hastete stets hektisch durch das Büro und zeigte sich immer hilfsbereit. Sie rief mich also zu sich und öffnet die Türe, die ins Treppenhaus und zum Lift führte. Stumm traten wir in den Lift, der auf der einen Seite ganz verspiegelt war und indem ich mich jeden Morgen betrachten konnte. Still war es und wir glitten zwei Stockwerke tiefer, sie neben mir, halb nach vorne versetzt, beide mit Blick auf die Lifttüre. Ich sah auf ihre streng gescheitelten und zu einem Rossschwanz zusammengebundenen Haare.

Es war manchmal so ein Zucken um ihren Mund, wenn ich mit ihr sprach, und ich kam nicht umhin, ihr Gesicht für eine Maske zu halten. Sie war neu auf ihrem Posten und etwas unsicher, schien mir. Ich sass in ahnungslosen Träumen fest, von Paradiesen die es nicht mehr gibt und die deshalb imaginiert werden müssen. In mässiger Vergessenheit trottete ich hinter ihr her in ein Büro. Es war das Büro eines Mannes, geschätzte 30 Jahre alt, Buchhalter der Firma und für alles Personelle zuständig. Ich streckte die Hand aus und stellte mich sofort vor, obwohl ich wusste dass dies unangebracht war.

Mir wurde ein Stuhl angeboten und der Mann fragte mich, wie es gehe und ich sagte, mir gehe es gut. In der Ferne hörte ich die beiden sprechen. Etwas von fehlender Begeisterung für die Arbeit war die Rede, schlechter Stimmung, für die ich verantwortlich sei. Ich erinnere mich noch, wie ich fahrig versucht habe, den Sündenbock auf die umstehenden Designermöbel weiterzugeben, loszuwerden. Vergeblich.

Zurück im Büro, bei der Verabschiedung, sagte mir die Chefin, es würde sie freuen, mich mal am See, in der Badi oder in der Stadt zu sehen. Mein Gesicht muss Konfusion gezeigt haben, worauf sie anfügte, sie meine es ehrlich. Nach der Verabschiedung von Alfonso, Bianca und einigen, deren Name ich vergessen habe, radelte ich in strömendem Regen nach Hause. Ich fühlte mich beschissen. Ich fühlte mich frei.

Im Bericht für die zuständige Behörde stand geschrieben: "Trotz hervorragender Leistung konnte der Mitarbeiter nicht ins Team integriert werden". Nach diesem surrealen Abgang habe ich gleich das Filmfestival in Locarno besucht. Dort sah ich Filme, die um einiges inspirierender waren als jene Tage im Dachstockbüro.

*alle Namen frei erfunden.

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